07.05.2010 – Heiko Ostendorf / Münsterschen Zeitung: Lautsprecher im Gespräch

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07.05.2010 – Heiko Ostendorf in der Münsterschen Zeitung
Lautsprecher im Gespräch

Campo aus Belgien parodieren im Pumpenhaus das Theater

Wenn sich Theater mit sich selbst befasst, ist das oft für Außenseiter ein langweiliges Unterfangen. Nicht so bei der belgischen Gruppe Campo am Mittwoch im Pumpenhaus.
“Five People” heißt ihr Stück, doch die fünf Personen bleiben zunächst im Hintergrund. Nur eine Schauspielerin erscheint zu Beginn auf der Bühne. Sie beschreibt die Szene, wieviele Stühle dort stehen, welche Personen auftreten werden, als würde sie Regieanweisungen abspulen. Dann spielt sie selber die verschiedenen Figuren, wechselt eine Glühbirne aus, führt mit sich selbst Dialoge, indem ihre Stimme aus den Lautsprechern unter den Stühlen kommt. Letztlich unterhalten sich die Lautsprecher ganz ohne Menschen miteinander. Dialog ohne Dialogpartner: Das stellt witzig die Theaterrealität in Frage. Und so geht es weiter. Zwei Frauen singen eher schief und laut als schön und treffsicher im Halbdunkel. Sinn? Ebenfalls Fehlanzeige.
Dann legt sich Trockennebel über die Bühne. Western-Filmmusik erklingt. Die Lichtanlage des Pumpenhauses zeigt, was sie kann. Und das nicht nur ohne dazugehörige Handlung, sondern auch ohne Darsteller. Hier wird nicht dem Theater das Effekthaschende genommen. Stattdessen muss der Effekt ohne Theater auskommen.

Nutzlose Requisiten

Und Campo um den Ideengeber Dirk Pauwels setzen noch einen oben drauf. Requisiten werden auf die Bühne geholt. Aber was bedeuten in dieser Aufführung schon Requisiten? Zufällig erscheint die Auswahl der Gegenstände: Fahrrad, Kartons, Schirm, zahlreiche Pflanzen. Bis auf der gesamten Bühnenfläche kein Flecken mehr frei ist. Das war´s. Die Campo- Schauspieler verweigern den Dingen die Bedeutung, benutzen sie einfach nicht weiter, sondern setzten sich auf fünf Hocker und versuchen im Chor Sätze zu improvisieren. “Das Ziel des Projekts ist, verschiedene Wege der Kreativität zu entwickeln”, stottern sie auf Englisch.
Schließlich werden die Gegenstände wieder zurückgebracht. Damit ist diese schreiend komische Theaterselbstanalyse an ihrem holprigen Ende angekommen. Langer Applaus.

 

07.05.2010 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Fünf Fremde sorgen für Chaos

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07.05.2010 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Fünf Fremde sorgen für Chaos

Münster – Eine Bühne, gerammelt voll mit – Sperrmüll? Oder was stapelt sich da wild im Pumpenhaus? Ein alter Grill, Tische, Stühle, Wasserkisten, Topfpflanzen drängen sich aneinander, dann löst sich gar ein Scheinwerfer aus seiner Verankerung und stürzt hinab. Ist das Pumpenhaus zu seinem Geburtstag marode geworden? Findet hier gar eine Haushaltsauflösung im Theater statt?

Klares Nein: Hier wütet eine Produktion des Theaters „Campo“ aus Gent. Dirk Pauwels hat für die fünfköpfige Truppe die Idee entwickelt, einfach auszuprobieren, was passiert, wenn fünf Künstler aus fünf Nationen, fünf einander Fremde, zusammengebracht werden, um eine Performance zu entwickeln.

Der Anfang ist vergleichsweise geradlinig: Die erste der fünf betritt die Bühne, löst ein Kreuzworträtsel, wechselt eine Glühbirne, hinterlässt überall goldfarbene High Heels. Doch alsbald verlöscht das Licht, nun stehen auf einmal zwei geisterhafte Gestalten im Dämmerlicht auf der Bühne, singen in den schrägsten Tönen. Was wie eine harmlose Traumsequenz beginnt, endet bald im Geschrei, mündet in einem Kuss – der aber das Schreien nicht völlig stoppt.

Plötzlich liegt die Bühne im dichten Nebel, es ertönt „The Ecstasy of Gold“. Immer wieder blitzt ein Scheinwerfer auf, leuchtet den Nebel an, der sich zu bizarren Gestalten zu formieren scheint. Mehr und mehr Licht flammt auf, nimmt den Takt der Musik auf – bis wie aus dem Nichts drei Personen auf der Bühne stehen. Eine vierte kommt hinzu, eine Topfpflanze in der Hand. Spätestens hier vermischen sich die Spielebenen, es zeigt sich: Gruppendynamik fordert ihren Tribut. Und tatsächlich, nun bricht Chaos aus: Immer mehr Gegenstände türmen sich auf der Bühne, mehr und mehr schleppen die vier von draußen an, man wünscht ihnen schon jetzt viel Spaß beim Aufräumen.

Endlich betritt Person Fünf die Bühne – Grund genug für alle, auf Barhockern Platz zu nehmen und über ihr spontanes Stück zu philosophieren: In der Gruppe ringen sie nach Wörtern, aus denen sie Sätze formen, es sind holprige, hartnäckige Sätze, die immer wieder auf ihren Klang abgeklopft werden, bis sie endlich im Raum stehen können. Sätze wie dieser hier: „to establish rules that suit everyone is a waste of energy“ oder „collectivity has to deal with individual desires.“ Ob nun das Durchsetzen von Regeln, die jedem passen, verschwendete Energie ist, oder das Problem der Allgemeinheit, sich mit individuellen Wünschen herumschlagen zu müssen, den Zuschauer Kopfzerbrechen bereitete oder nicht – dem Publikum gefiel die schräge Performance, und so ernteten die fünf reichlich Beifall.

 

06.05.2010 – Lisa Meierkord / Westfälischen: Nachrichten “Aber pssst, nicht weitersagen …”

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06.05.2010 – Lisa Meierkord für die Westfälischen Nachrichten
“Aber pssst, nicht weitersagen …”

Hartmann spielt als Walli Hiller sein Abendessen-Theater

Wer bei Hiller mit am gedeckten Tisch sitzt, fühlt sich wohl. Da gibt es ein leckeres Irish Stew Frau Hillers Lieblingseintopf – und Rotwein. “Rotwein ist ja gut für die Gesundheit. Rot ist meine Lieblingsfarbe. Das erste Kleid, das ich in der Öffentlichkeit angezogen habe, war auch rot, nech”, erzählt sie drauflos. Sie, die Walli, die früher Walter hieß. Das “Statements”-Festival zum 25-Jährigen des Pumpenhauses ist der Anlass, den RedArt-Klassiker “Zu Gast bei W./W. Hiller” erneut zu zeigen.
Diesmal bringt Regisseurin Paula Artkamp das Publikum in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst am Hafen auf seine Plätze – an die lange Tafel im Kerzen- und Scheinwerfer-Schein.
Walter oder besser Walli, gespielt von Pitt Hartmann, fühlt sich nämlich ganz als Frau. Sie zieht gerne Frauenkleider an und macht sich gerne schön “zurecht”. Als sie an der langen Tafel Platz nimmt, plaudert sie frei aus dem Schminkkästchen, ohne die Dinge zu verschleiern oder zu beschönigen. Es sprudelt nur so aus ihrem rot bemalten Mund.
Sie erzählt davon, dass sie sich schon als Kind gerne Mädchenkleider anzog, von ihrer Zeit im ersten Weltkrieg, als sie unter der Uniform Damenwäsche trug, als sie später im Lokomotivbau als Fräser(in) arbeitete und davon, wie sie sich endlich traute, in Frauenkleidern auf die Straßen des Berliner Ostens zu gehen: “Es war Sommer. Ich trug dieses rote Kleid, und um 5 Uhr morgens schritt ich durchs Fabriktor – es hatte sich herumgesprochen.”
Dann bringt Tochter “Dörchen” den Eintopf, den sich alle schmecken lassen. Walli Hiller prostet ihren 27 Tischgästen mit “zum Wohl” zu und verrät sogar das Rezept, das wirklich gut sein muss – sie hat nämlich eine Kochlehre gemacht und besaß mal ein Restaurant. Hartmann erzählt Hillers Geschichte so offen, als sei das Publikum eine gute Freundin, die man zufällig auf der Straße getroffen hat.
Bereits vor zwölf Jahren wurde das Stück erstmalig aufgeführt. Walli Hiller hat es wirklich gegeben. Pitt Hartmann und Paula Artkamp fuhren 1998 gemeinsam nach Berlin, um von Walli Hiller mehr über ihr Leben zu erfahren. “Nachdem sie vier Stunden nonstop aus ihrem Leben erzählt hatte, war mir die Rolle klar”, so Hartmann.
Bevor Walli Hiller im Jahr 2000 im Alter von 102 starb, hatte sie noch die Gelegenheit eine der “Zu Gast bei W.W. Hiller” – Aufführungen zu sehen.
Schließlich verabschiedet sich “Frau Hiller” von ihren Gästen mit den Worten: “Ich bin ein Transvestit. Aber pssst, nicht weitersagen” – und verlässt in Männerkleidung den Raum. Die ungewöhnliche Inszenierung wird mit großem Applaus belohnt – am liebsten würden die Gäste die nette alte Dame direkt zum Kaffeekränzchen einladen.
Die morgige Vorstellung ist ausverkauft, eventuell gibt es Rücklaufkarten an der Abendkasse in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst, Hafenweg 28.

 

07.05.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Tanzstars Aus Aller Welt In Münster

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07.05.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Tanzstars Aus Aller Welt In Münster

Münster kann ziemlich überraschen. Zurzeit mit den Internationalen Tanztagen. Das sei ja ein weltstädtisches Programm, bekommt Pumpenhaus-Leiter Ludger Schnieder immer wieder zu hören. Er antwortet dann: „Nein, das ist ein Münster-Programm.“

Die Welt des Tanzes ist zu Gast in der Stadt, das Who ist Who des Tanzes von Japan bis Kanada. Vom 22. Mai bis zum 5. Juni richten die Städtischen Bühnen und das Pumpenhaus zum ersten Mal gemeinsam eine Art Tanzfestival aus. Klassisch und experimentell: Zwei sehr unterschiedliche Orte des zeitgenössischen Tanzes zeigen sich hier Schulter an Schulter. Die Idee gab es schon seit Jahren, das Finanzpaket von Sparkasse Münsterland Ost und Provinzial zum Kulturgebiet-Programm 2010 machte es möglich. Elf Gastspiele sind eingeladen: Wegbereiter von Daniel Goldin, dem Chefchoreografen des Stadttheaters, sowie Ensembles, die im Pumpenhaus klein angefangen haben und groß geworden sind. „Wir fragen, was Tanz ist“, so Goldin, „und zeigen, dass es nicht die eine Linie gibt, sondern viele Formen“. Susanne Linke, die Grande Dame des deutschen Tanzes, präsentiert die fünf Soli, die sie weltberühmt gemacht haben (30. Mai, Stadttheater). „Rosas danst Rosas“ ist das legendäre Stück der belgischen Rosas-Compagnie um Anne Teresa De Keersmaeker, stammt aus dem Jahr 1983 und gilt als wegweisend für den zeitgenössischen Tanz (2. Juni, Pumpenhaus).

Mini-Bolero
Kim Sun-Mi aus Korea tanzt Ravels „Bolero“ – auf nur zwei mal zwei Metern (30. Mai, Pumpenhaus). Beatrice Fleischlin legt eine Mini-Striptease-Show in Privatwohnungen hin: „My ten favorite ways to undress“ – meine zehn liebsten Arten, mich auszuziehen (28. Mai). José Navas kreiert ein intimes Solo (23. Mai, Pumpenhaus), Jérôme Bel eine Hommage an Lutz Förster, Tänzer des Wuppertaler Tanztheaters – mit Ausschnitten aus Stücken von Pina Bausch (28. Mai, Stadttheater). Goldin eröffnet die Tanztage mit seiner eigenen Uraufführung: „Projekt Cage“, das er gemeinsam mit dem Folkwang-Studio zur Musik von John Cage choreografiert hat – mit 15 Tänzern, Live-Band und dem niederländischen Klang-Poeten Jaap Blonk.

 

04.05.2010 – Jasmin Maus / Westfälischen Nachrichten: Hauptsache, es macht glücklich

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04.05.2010 – Jasmin Maus für die Westfälischen Nachrichten
Hauptsache, es macht glücklich

Cactus Junges Theater feiert mit “Beautiful Freak(s) Premiere im Pumpenhaus

Münster – „Leute ohne Macken sind scheiße.“ Ein Fazit, das es nicht nur ausdrücklich in sich hat. Aber treffender hätten es die sechs Protagonisten auf der Bühne nicht auf den Punkt bringen können. Denn bei der Premiere von „Beautiful Freak(s)“ am Sonntagabend im ausverkauften Pumpenhaus war es geradezu „out“, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Was macht euch zu Freaks? Und kann man Außenseiter überhaupt definieren? Diesen Fragen gingen die drei weiblichen und drei männlichen Hauptdarsteller von Cactus Junges Theater gemeinsam mit einem begeisterten Publikum nach. Jemand ist anders, weil er keiner Norm entspricht. Aber was ist schlimmer? Das „Anders-Sein“ oder die Norm? Zu allem immer „ja“ sagen oder doch lieber in der Gesellschaft auffallen? Entscheidungen, die jeder irgendwann einmal für sich treffen muss.

Und dann gibt es da noch die bösen, herzlosen Mitmenschen, die vor Intoleranz und fehlendem Solidaritätssinn nur so schocken. Schon in der Grundschule wird „Klein-Lisa“ wegen ihrer „Hasenzähne“ gemobbt. In der siebten Klasse legt sie sich dann lieber nicht mit Saskia an, weil die sonst alle anderen Mitschüler auf sie hetzt. Erst mit 15 Jahren packt Lisa der Mut. Zahnspange und braver Mädchen-Look werden abgelegt, und es wird rebelliert. Die Lehrer stört´s, die Eltern sowieso – aber Lisa fühlt sich endlich wohl in ihrer Haut.

In Abgründe dieser und anderer Art stürzen sich die Akteure leidenschaftlich, laut und teilweise ekstatisch. Schließlich stammen sie aus eben jener Generation, die sich gerne mit Daily Soaps durch den Tag quält, Kopfhörer benutzt, um sich vor der Außenwelt abzuschirmen oder schneller ein Urteil über Mitmenschen fällt, als der eigene Schatten den Boden erreicht.

Dem Team um Alban Renz (Regie) und Katharina Maiss (Dramaturgie) ist eine Theater-Collage gelungen, die – genau wie das reale Leben – vor nichts zurückschreckt. Der Zuschauer wird auf eine Reise in sein eigenes Ich mitgenommen und hat Zeit, sich selbst zu reflektieren. Trotz vieler Seitenhiebe bleibt der letztendliche Tenor aber deutlich: „Es ist egal, was du bist. Hauptsache ist, es macht dich glücklich.“

 

04.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Bitte kein Bier auf dem Sofa

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04.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Bitte kein Bier auf dem Sofa

Theater: Cactus legt mit “Beautiful Freaks” einen spannenden Festival-Start hin
 
Im 19. Jahrhundert waren es körperlich missgebildete Menschen, die in so genannten Freakshows ausgestellt wurden, während man seit den 1960er Jahren Leute als Freaks bezeichnet, die sich in Kleidung, Ansichten und Verhalten bewusst von gängigen Vorstellungen absetzen.

Aber immer ist es ein Anderssein, das dem Wort zugrunde liegt. Und um dieses Anderssein geht es auch in der neuen Cactus-Produktion „Beautiful Freaks“, die am Sonntag im Pumpenhaus Premiere feierte und gleichzeitig das SpurweXel-Festival eröffnete – eine Reihe mit zehn Inszenierungen, die bis Ende des Jahres an unterschiedlichen Orten aufgeführt werden.

Zirkustruppe
Unter der Regie von Alban Renz sind drei Jungs und drei Mädchen am Start. Sie bilden eine bunte Zirkustruppe, die auf den Beginn der Vorstellung wartet, also genug Zeit hat, erst einmal das Publikum auf Freak-Eignung abzuklopfen.

Dann werden verschiedene Aspekte des Andersseins durchdiskutiert. Darf es aus freien Stücken erfolgen oder nur, weil man nicht anders kann? Und wenn ja, darf man es dann genießen oder muss man zwangsläufig darunter leiden? Wie sieht ein Leben als Freak aus? Bringt es Vorteile mit sich oder eher Nachteile? Wo fängt der Freak überhaupt an? Was gilt heute noch als normal?

Es ist ein umfangreicher Katalog, den das junge Ensemble in ebenso amüsanten wie aussagekräftigen Szenen durchspielt. Maßnahmen gegen außenseiterbedingtes Mobbing werden ausprobiert – bitten, drohen oder doch lieber in sozialpädagogischer Manier auf die Angreifer eingehen?

Eine andere Versuchsanordnung widmet sich der Frage, wie weit man kommt, wenn man immer nett ist. Dazwischen gibt es Songs zum Mitklatschen und wilde Tänze auf etwas, das sich wie ein alpenländischer Turbojodler anhört.

Um sechs aufstehen?

Insgesamt zeigt sich das Cactus-Theater mit „Beautiful Freaks“ wieder einmal in Hochform, sowohl darstellerisch als auch inszenatorisch. Irgendwann sind die Protagonisten so weit, dass sie von einem geordneten, rechtwinkligen Leben träumen: um sechs aufstehen, Büro, Kollegengespräche über Fußball, abends nach Hause, Fernseher, Bier und Sofa. „Ach, wäre das schön“, lautet der sehnsuchtsvoll hingeseufzte Refrain, den sie so lange wiederholen, bis sie selber nicht mehr daran glauben.

  •  Wiederholung Dienstag (4.5.) um 11 und 20 Uhr im Pumpenhaus.
 

04.05.2010 – Peter Sauer / die Münstersche Zeitung: Leckere Torten fürs hungrige Mäuschen

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04.05.2010 – Peter Sauer für die Münstersche Zeitung
Leckere Torten fürs hungrige Mäuschen

Freunde feierten Paul Wulfs 89. Geburtstag auf dem Servatiiplatz

Münster. Rund 100 Menschen feierten am Sonntag auf dem Platz zwischen Promenade und Iduna-Hochhaus den 89. Geburtstag von Paul Wulf. Ein überlebensgroßes Plakat diente als Platzhalter für das Paul-Wulf-Standbild der Skulptur-07-Künstlerin Silke Wagner. Ende August soll es hier einen festen Platz für drei bis vier Jahre erhalten und dann an der Villa  ten Hompel aufgestellt werden (die MZ berichtete).
Zur Feier des Tages spendierten die “roestbar”würzigen Kaffee und das Café Issel zwei leckere Torten (Ziegenjoghurt und Erdbeer-Mascarpone). Dr. Bernd Drücke vom Freundeskreis referierte über das Leben von Paul Wulf. Er kündigte an, dass alle zwei Monate neue Dokumente die Paul-Wulf-Skulptur “bedrucken” würden.
Tim Rohleder, Kultursprecher der Grünen, ermunterte mit seiner Geige das Publikum zum Geburtstagsständchen und der irische Gitarrist und Sänger Douglas Adams begeisterte mit poetischem Folk. Hannes Demming hatte beim plattdeutschen Vortrag der “Fabel vom hungrigen Mäuschen” die Lacher auf seiner Seite. Schriftsteller Burkhard Spinnen kritisierte in scharfen Worten die vermeintlich boulevardesken Sonntagsgeschichtsstunden Guido Knopps im ZDF. “Ungemütliche und unbequeme Vergangenheiten kann man nicht bequem und wohnzimmertauglich präsentieren.” Das habe auch Paul Wulf sein ganzes Leben begerzigt. Ironischerweise sei dann ja auch das Hickhack um die Wiederaufstellung seiner Skulptur “ungemütlich und unbequem” abgelaufen. Großer Beifall.
Leider klappte eine geplante Live-Schaltung nicht. Manfred Schneider spielte am Glockenspiel des Stadthausturmes den “Marsch der Revolutionäre” und die Bürgerrechts-Hymne “We shall overcome”. Das sollte mithilfe moderner Technik bis auf den Servatiiplatz übertragen werden. Das erwartungsfrohe Publikum hörte zwar Schneiders Ansage, doch danach nur noch Rauschen. Allroundkünstler Christian F. rettete die Situation mit einem blitzschnellen Improvisations-Medley bekannter Popklassiker am E-Piano.

 

03.05.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Mit dem Mondmann getanzt

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03.05.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Mit dem Mondmann getanzt

“Das war was”, erklärt Nándor Hevesi. “Das war was? Was war was…” das Deutsch des ungarischen Musikers klingt dadaistisch. Doch die nuschelige Kauderwelsch-Ansage bringt es auf den Punkt. Was Pop Ivan auf der Bühne des Pumpenhauses am Freitag zum Tanz in den Mai veranstaltete, war ein knalliges Statement, nirgendwo einzuordnen.
Aufgestellt wie eine Mini-Bigband basteln die sechs Musiker einen schweren, vollen Sound, der sich nicht zwischen melodisch und schräg entscheiden will. Sie experimentieren und improvisieren mit Posaune, Bass, Keyyboard, Gitarre, Schlagzeug, Saxofon, Trompete, allerlei Schellen- und Klappertand sowie einer Instrumenten- “Zauberkiste” samt Megaphon, aus der sich Krisztián Horváth reichlich bedient. Was daraus geboren wird ist ziemlich unordentlicher Balkan-Pop, blutsverwandt mit Free Jazz, verbandelt mit Elektro-, Rock und Latinorhythmen, flirtend mit Klassikthemen. Und wenn man meint, ihnen gerade auf die Spur  gekommen zu sein, wechseln sie schon wieder das komplette Klangbild, treiben ihren Schabernack mit jeglicher Konvention.
Es ist ein merkwürdiger Sountrack für merkwürdige Bilder, die über eine Videoleinwand flimmern: schnell geschnittene, wackelige Szenen von Schwangeren, Gänsen und seltsamen Mondmännern, von Tieren und Toiletten. Hier wird klar, dass die Jungs aus Budapest einst fusionierten aus Malern, Filmern und Musikern.
Es war ein denkwürdiger Tanzabend, bei dem vielen das Tanzen schwer fiel. Doch der Applaus war groß. Die Räucherstäbchen in den Gitarrenhälsen brannten, in den Gläsern auf der Bühne vibrierte der Rotwein und Nándor Hevesi rief: “Tanzt den Mai!”

 

03.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Wer schaufelt den Schnee auf die Straße?

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03.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Wer schaufelt den Schnee auf die Straße?

Theater: Einwanderer wundern sich

In Afrika konsultiert er einen Magier, der ihm den Knochen einer schwarzen Katze besorgt. Den nimmt er in die Hand, schließt die Augen und wünscht sich ganz fest: Hamburg. So sei er damals nach Deutschland gekommen, erzählt er und lacht.
In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. Kein Zauberknochen war sein Transportmittel, sondern ein Containerschiff, das in Guinea in See stach und “in irgendeinem Europa” anlegte. Das es Hamburg ist, wo er von Bord geht, erfährt der 13-jährige erst als er Landsleute trifft. Ähnlich geht es einem Mädchen aus Sierra Leone, die mit 10 Jahren nach Deutschland kommt, hier zum ersten mal Schnee sieht und sich wundert, wer sich die Mühe macht, das ganze weiße Zeug auf die Straßen zu schaufeln.
Reale Märchen
Geschichten, die nicht erzählt werden, existieren nicht. Davon ist Branko Simic überzeugt. Deshalb hat der aus Bosnien stammende Regisseur zusammen mit der Schauspielerin Vernesa Berbo und dem “Geräuschesammler” Günter Reznicek die “Gesellschaft für reale Märchen” gegründet, die er am Freitag beim Statements-Festival im Pumpenhaus vorstellte. Real deshalb, weil die Einwanderer-Geschichten, die er sammelt, sich alle wirklich so zugetragen haben, und Märchen, weil sie alle zu einem Happy End führen. Deutschland ist für ihn ein Einwanderungsland – auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen.
Leichen sonnen sich
Einige der Menschen, die hier per Video auftreten, sind Kriegsflüchtlinge aus Bosnien. Sie haben bereits eine abenteuerliche Reise hinter sich, als ihre Odyssee in Deutschland beginnt. Einer heuert in einem italienischen Restaurant an und wird fortan für einen Italiener gehalten. Ein anderer restauriert als Schwarzarbeiter die Deutsche Bank. Eine dritte gerät beim Anblick von Sonnenanbetern in Panik, weil sie sie für Leichen hält – die realen Schrecken des Krieges mögen vorbei sein, mit den seelischen Folgen wird sie noch lange zu kämpfen haben.
Simics Kommentare, Berbos schauspielerische Einlagen und Rezniceks elektronische Kompositionen machen aus den Erzählungen eine spannende Performance, die trotz des ernsten Themas auch amüsante Momente aufweist, was nicht zuletzt am Einfallsreichtum der Einwanderer liegt, mit dem es ihnen gelingt, sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen.

 

03.05.2010 – Esther Georg / Westfälischen Nachrichten: Eine lebendige Skulptur

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03.05.2010 – Esther Georg in den Westfälischen Nachrichten
Eine lebendige Skulptur

Geburtstags-Gedenken an Paul Wulf auf dem Servatiiplatz

Die von Silke Wagner gestaltete Skulptur Paul Wulfs soll nach einer Entscheidung der Bezirksvertretung Mitte ab ab August für drei Jahre auf dem Servatiiplatz stehen und alle zwei Monate neu plakatiert werden. Das macht sie, so Dr. Bernd Drücke vom Freundeskreis Paul Wulf, zu einer “lebendigen Skulptur”. Anschließend soll sie dann in die Villa ten Hompel kommen.
Am Sonntag veranstaltete das Pumpenhaus im Rahmen des Festivals “Statements” einen Geburtagskaffee zu Ehren des 1999 Verstorbenen. Gesang, Grußworte und Musik sorgten für eine bunte Veranstaltung. Eingeladen waren unter anderem Schauspieler Helmut Buntjer, Regisseur Hannes Demming und Schriftsteller Burkhard Spinnen. Zudem erinnerte Glockenspieler Manfred Schneider, der Paul Wulf persönlich kannte, mit Stücken wie ” Marsch der Revolutionäre” an dessen Werk. Bei Kaffee und Kuchen mit Spenden des Café Issel und der Roestbar konnten die Gäste einen gemütlichen Nachmittag verbringen.
Paul Wulf war 1938 “wegen angeborenen Schwachsinns” von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert worden. Dieses traumatische Ereignis brachte den damals 16-Jährigen dazu, sich nach Untergang des Regimes für den Erhalt der Erinnerung einzusetzen. Damit wurde er, so Drücke, zur “Stimme der 350 000 Zwangssterilisierten” und erhielt 1991 das Bundesverdienstkreuz. Trotzdem wurde der Antifaschismus- Kämpfer erst beim Skulpturenprojekt 2007 laut Drücke zur “öffentlichen Person”. Für den Erhalt der Skulptur hatte sich ein breites, parteiübergreifendes Bürgerbündnis eingesetzt. “Münster muss auch mit kritischer Kultur umgehen können”, so Marita Otte, SPD-Fraktionsvorsitzende in der BV Mitte. Bei der Sparkassen-Ausschüttung im März wurde das Projekt durch weitere 18 000 Euro bezuschusst. Dadurch war der gestrige Geburtstagskaffee nach Angabe des Leiters des Pumpenhauses, Ludger Schnieder, größer ausgefallen als ursprünglich geplant. Im Rahmen von “Statements” wird es dazu im Mai und Juni noch je eine Lesung zu Ulrike Meinhof und Max Geisberg geben.