14.05.2010 – Offener Brief von Jutta Ditfurth an den Chefredakteur der Münsterschen Zeitung

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14.05.2010 – Offener Brief von Jutta Ditfurth an den Chefredakteur der Münsterschen Zeitung
Erklärung zu den Angriffen des Chefredakteurs Stefan Bergmann

Jutta Ditfurth
Erklärung zu den Angriffen des Chefredakteurs der Münsterschen Zeitung, Stefan Bergmann, nach meiner »Szenischen Lesung – Ermittlungen in Sachen Ulrike Meinhof« am 11.5.2010 in Münster

Seit 2008 habe ich weit mehr als 120 Lesungen zu meiner Ulrike-Meinhof- Biografie (Ullstein 2007) gehalten, in Deutschland, in Schweden und in Finnland. In Theatern wie dem Berliner Ensemble in Berlin oder dem Schauspiel in Stuttgart, auf großen Buchmessen wie in Göteborg, auf 
Einladung von Goethe-Instituten und Universitäten. Nie hat 
irgendjemand so unintelligent, bösartig und wahrheitswidrig reagiert wie Stefan Bergmann, der Chefredakteur der Münsterschen Zeitung. Er hat seinen Job angetreten, nachdem 2007 zuvor die gesamte Lokalredaktion der Münsterschen Zeitung unter üblen Umständen vom Herausgeber gefeuert worden war
(vgl.: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,461628,00.html).

Vielleicht steht Bergmann deshalb unter besonderem Druck und ist, wem auch immer, zu einer solch wahrheitswidrigen Berichterstattung und Kommentierung verpflichtet? Um es mit einem altmodischen Begriff zu sagen: der Chefredakteur der Münsterschen Zeitung, Stefan Bergmann, ist ein unanständiger Mann.

Bergmann unterstellt mir allen Ernstes Nähe zur RAF, »unverhohlenes Werben für die Ziele der ‘Roten Armee Fraktion’«. Das ist bösartig und absurd. Das ist eine verhetzte Sprache, die ich sonst nur von websites der äußersten Rechten kenne. Perfide ist Bergmanns Behauptung, »dass man der Meinung sein darf, dass es in Ordnung ist, Menschen für hehre Ziele umzubringen«. Wer hat so etwas auf der Lesung im Fürstenberghaus in Münster am 11.5.2010 gesagt? Niemand. Weder die Referentin noch eine/r der DiskutandInnen. Im Gegenteil, ich habe die RAF sogar klar und überaus deutlich kritisiert. Wir haben hier also einen Münsteraner Chefredakteur, der seine LeserInnen belügt. Da die Referentin die Veranstaltung aufgezeichnet hat, ist dies nachweisbar.

Fast alle LeserInnen meiner Ulrike-Meinhof-Biografie sowie die ZuhörerInnen meiner Lesungen verstehen, dass ich die Biografin Ulrike Meinhofs bin, nicht mehr, nicht weniger. Ich gehöre seit 1970 zur undogmatischen Linken, zur Frauen- und Anti-AKW-Bewegung, war von 1980-1991 Mitglied der Grünen und gehöre seit 1991 der Ökologischen Linken an. Meine Bücher und journalistischen Arbeiten sind nachzulesen, meine 40jährige politische Praxis ist bekannt. Was verspricht sich Herr Bergmann von seiner Hetze? In wessen Interesse betreibt er diese?

Mich interessiert in meiner Ulrike-Meinhof-Biografie, die Herr Bergmann ganz offensichtlich nicht gelesen hat, wie Ulrike Meinhof wurde was sie war. Das ist die Aufgabe guter Biografien. In meiner »Szenischen Lesung« setze ich mich darüber hinaus mit den Legenden auseinander, die den kritischen (!), realistischen (!) Blick auf Ulrike Meinhof bis heute vernebeln.

Auf meiner Website (ww.jutta.ditfurth.de) finden sich Rezensionen zu meinem Buch und zu meinen Lesungen. Natürlich gab es gelegentlich auch politische Rechte, die meinten, eine Biografin dürfe Ulrike Meinhof nicht »als Menschen« darstellen, sondern am besten von Kindheit an,  als »blutrünstige Terroristin«. Aber solche Leute sind in diesem Land glücklicherweise (noch) die Ausnahme. Allerdings hat Stefan Bergmann das Niveau dieser Fraktion weiter gesenkt.

Münster hat ein Problem: Chefredakteur Bergmann scheint eine Meinhof- Biografin nicht von einem RAF-Mitglied unterscheiden zu können. Das ist sein – vielleicht intellektuelles – Problem. Man stelle sich Vergleichbares einmal für die AutorInnen anderer Biografien vor! Was sagt uns das alles über den Wahrheitsgehalt der sonstigen Berichterstattung der Münsterschen Zeitung?

Oder anders gefragt: Was ist in Münster los?

Freitag um 18:46

 

13.05.2010 – Felix Guth / Münsterschen Zeitung: Eigene Wahrheit und Provokation

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13.05.2010 – Felix Guth in der Münsterschen Zeitung
Eigene Wahrheit und Provokation

Jutta Ditfuhrt liest im Fürstenberghaus aus ihrer Ulrike-Meinhof-Biografie – zur RAF Gewalt schweigt sie

Der kleine Computer wirft überlebensgroße Bilder an die Wand. Sie zeigen die erhängte Ulrike Meinhof, eine Nahaufnahme ihres Leichnams, ihr Grab. Die Bilder sind Teil der “Ermittlungen über Ulrike Meinhof”, die ihre Biografin Jutta Ditfurth am Dienstag im Fürstenberghaus vorstellt. Ditfurth hat ihre Wahrheit über die Terroristin mitgebracht. Eine Wahrheit, die provoziert.

In den Einstiegsszenen des Vortrags steckt eine gewisse Opfer-Romantik, die eine große Gefahr birgt. Denn am Ende der dreistündigen Lesung steht zwar ein Berg an Fakten über das Leben von Ulrike Meinhof. Und doch hat der Zuhörer am Ende nur wenig über Meinhofs Schritt zu einer radikalen Gesinnungs-Mörderin erfahren.

Wo die 58-jährige Grünen-Mitbegründerin hinmöchte, macht sie sofort deutlich. „Es gibt vier giftige Quellen in der Mythenbildung über Ulrike Meinhof“, sagt sie und zählt auf. Pflegemutter Renate Riemeck, die angebliche Anti-Faschistin mit NSDAP-Mitgliedschaft. Ex-Mann Klaus Rainer Röhl, dazu das Bundeskriminalamt und der ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“).

Alles Lügen, Legende, falsche Interpretationen

Ditfurth sagt mit überzeugtem Unterton: „Diese Quellen vereinen sich zu einem Informationsfluss, der das öffentliche Bild von Ulrike Meinhof bestimmt.“ Alles Lügen, Legende, falsche Interpretationen. Nur Ditfurth kennt ihrer Ansicht nach die ganze Wahrheit.

Ohne Frage: Die Rechercheleistung ist enorm. „Ich bin ihr Leben nachgegangen, alle Akten, Ämter, Nachbarn“, erzählt die Autorin. Wo vorherige Meinhof-Biografien von ihrem antifaschistischen und christlichen Elternhaus erzählen, hat Ditfurth NSDAP-Verbindungen ausgegraben. Die vielen Details fügen sich zu einem Bild: Meinhof als Waisenkind, das sich nach Zuneigung, Freundschaft und Liebe sehnt, aber seine Existenz am Ende völlig dem politischen Wirken verschreibt. Und in ihrer Ablehnung der in ihren Augen faschistischen Bundesrepublik die Grenze überschreitet.

“Ihr Weg zur Gewalt war ein langer Prozess”

„Ihr Weg zur Gewalt war kein Sprung, sondern ein langer Prozess.“ Das ist schon alles über die letzte Lebensphase Meinhofs, in der sie an Überfällen, Entführungen und Morden beteiligt war. Und das erzeugt Kontroversen. Ein Teil des Publikums vermisst diesen Aspekt offenbar nicht. Andere sind empört. „Man kann das Töten nicht einfach ausklammern“, entfährt es einer jungen Frau. Ein Mann wundert sich über „viel Sympathie“ im Vortrag der Biografin. Sie sei keine RAF-Sympathisantin, entgegnet Jutta Ditfurth. Darauf, die Gewalttaten ausdrücklich zu verurteilen, verzichtet sie.

Die Uni Münster war an diesem Abend nur Vermieter des Raumes, Veranstalter waren das Theater im Pumpenhaus, der AStA, die Marx-Engels-Gesellschaft, der Kulturverein F24 und das antifaschistische Bündnis „VVN-BdA“. Uni-Sprecher Norbert Robers: .„Bei ihnen liegt die Verantwortung für die Inhalte.“

“Ich finde es legitim, nur einen Ausschnitt der Recherche zu zeigen”

Ludger Schnieder, Leiter des Theaters im Pumpenhaus, verteidigt die Lesung. „Ich finde es legitim, bei so einer Veranstaltung nur einen Ausschnitt der Recherche zu zeigen. Es ist eben ein persönliches Statement“, sagt er. Den universitären Rahmen findet er passend. „Gerade, weil sie in Münster Spuren hinterlassen hat, ist das der richtige Ort.“

 

13.05.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Streetdance: Vorurteile auf den Kopf gestellt

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13.05.2010 – Gerhard H. Kock in den Westfälischen Nachrichten
Streetdance: Vorurteile auf den Kopf gestellt

Vorurteile können wunderbar sein. Wenn die Betroffenen sie auf den Kopf stellen. Jugendliche auf der Straße? Die lungern nur rum, die können nix, die machen nur Blödsinn. Sind alle Jugendlichen jenseits gesellschaftlicher Institutionen und bürgerlicher Kulturmilieus undiszipliniert, unfähig und lichtscheu? Theater Cactus zeigt in seinem Jugendkulturfestival „Spurwechsel“, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil: 18 junge Tänzerinnen und Tänzer von der Straße appellierten Richtung Vorurteile: „Look at Me“. Und siehe, die lösen sich in Luft auf.

Die vorerst letzte Vorführung findet an diesem Donnerstag (13. Mai) um 20 Uhr in der Stadthalle Hiltrup, Westfalenstraße 197, statt. Karten an der Abendkasse.

Was Choreograf Julio Eyimi Mangue von „Cactus“ und sein Team (Ayuk Bobga, Robbi Sabanovic, Bruno de Carvalho und Enes Habibovic) organisatorisch, gruppendynamisch und nicht zuletzt tänzerisch auf die Beine gestellt haben, ist verblüffend. Die bunte Truppe der 16- bis 25-Jährigen liefert eine gut einstündige Power-Show, die ihre in der Regel nicht öffentliche Welt auf die Bühne bringt – selbstkritische Töne inklusive.

Die Gruppe versucht den Blick aufs Ganze: Die Straße als Flucht vor dem demotivierenden Zuhause, die Kumpel als Heimat, Grenzen von Freiheit („Seit du arbeitest, bist du überhaupt nicht mehr auf der Straße.“), die Straße als Möglichkeit von Freiheit: „Ey, was geht, Alter?“ Es geht viel. Körper und Gefühl verschmelzen zum Rhythmus, der viel Aggression kultiviert und viel Emotion, Emotionen auch von romantischer Qualität: In „Paraplü“ tänzelt einer zu einer Valse musette durch den Park, dabei umgeben ihn wirbelnde Tänzerbeine wie prasselnder Regen, Salti umstürmen ihn wie Blätter im Herbst.

Auch Ausgrenzung und Enttäuschung sind Themen. Doch Lebenskraft und Lebensfreude beherrschen die 17 Szenen, besonders bei den „Battles“. Wo man sich respektheischend zeigt, was wer kann. Wo die Glieder beim Krumping in Höchstgeschwindigkeit zappeln und trampeln oder Breakdancer ihren Körper akrobatisch von der Rückenrotation in den einarmigen Handstand schwingen. Und es ist viel Witz im Spiel: Bei einem „Locking“ bewegt sich ein Schlaks von einem Computer-Nerd wie ein Roboter aus Gummi.

Im Grunde versteht sich hier Streetdance als Antwort auf einen Kummer, den Tucholsky in seinen „Augen in der Großstadt“ vor 80 Jahren formuliert hat: „Wenn du zur Arbeit gehst / am frühen Morgen, / wenn du am Bahnhof stehst / mit deinen Sorgen: / da zeigt die Stadt / dir asphaltglatt / im Menschentrichter / Millionen Gesichter.“ Münsters Streetdancer wünschen sich „Look at Me!“

Im Grunde versteht sich hier Streetdance als Antwort auf einen Kummer, den Tucholsky in seinen „Augen in der Großstadt“ vor 80 Jahren formuliert hat: „Wenn du zur Arbeit gehst / am frühen Morgen, / wenn du am Bahnhof stehst / mit deinen Sorgen: / da zeigt die Stadt / dir asphaltglatt / im Menschentrichter / Millionen Gesichter.“ Münsters Streetdancer wünschen sich „Look at Me!“

 

11.05.2010 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Prasselnder Assoziationsregen

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11.05.2010 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Prasselnder Assoziationsregen

Münster – Das Pumpenhaus liegt in Dunkelheit. „Abenteuer wie im Film, Ausraster wie im Fernsehen gibt es für nur einen Euro“, verkündet einer auf der Bühne. Im Dunkel leuchtet prompt ein Euro-Zeichen auf, darüber blinkt ein roter Pfeil. Sonst nichts: Nichts geschieht, minutenlang. Ratlosigkeit macht sich breit. Man hört im Zuschauerraum Münzen klappern, schließlich steht einer auf und wirft Geld in die Konstruktion: Und tatsächlich, das Licht geht an, das Stück kann beginnen.

 Und was für ein Stück der „andcompany&Co“ unter Leitung von Anna Schulz: Karl May trifft hier symbolisch auf Karl Marx, Ost und West prallen aufeinander – und alle bekommen ihr Fett weg. Indianer in bunten 80er-Jahre-Leggings tummeln sich auf der Bühne, lassen es gleich so viel Reis regnen, dass die ersten Zuschauerreihen reichlich davon abbekommen – und das alles im Schatten eines polnischen Atomkraftwerks. „Ist das hier Western von gestern?“ kalauern die Indianer, und wenn einer stirbt, quellen statt Gedärmen massenweise Möhren aus den Bäuchen.
 

„West in peace oder der letzte Sommer der Indianer“ ist ein wieselflinkes Assoziationsspiel, ein blitzgescheite Verquickung von Gedanken, nicht nur der von Marx oder May. Hier muss man immer auf der Hut sein, um keine Andeutung zu verpassen. So zerstört hier ein Zen-Meister in Anspielung auf Nikel Pallat („Ton Steine Scherben“) einen Tisch, der sich allerdings als unkaputtbare deutsche Eiche entpuppt. Dann wieder bevölkern Wölfe die Bühne, streifen mit gefletschten Zähnen umher. Und während man sich noch fragt, ob der Mensch des Menschen Wolf ist, befindet man sich unversehens auf der Wolfsschanze und besichtigt Hitlers Bunker. Dazwischen sinkt immer mal einer der Indianer nieder, von Pfeilen getroffen, an denen Botschaften wie „Tofu ist Menschenfleisch“ prangen.

Dass nur Karl May und Hegel existieren, und alles andere nur eine unreine Mischung aus ihnen sei, wie eine der Schauspielerinnen vermutet, ist eine These, die Karl Marx ausklammert. Eine andere hingegen bringt die beiden Karls zumindest inhaltlich zusammen: „Karl Marx führte Menschen vor, wie sie wirklich sind – sich selbst liebevoll skalpierend.“ Für den humoristischen Brückenschlag gab es reichlich Beifall.
 

11.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Karl Marx im wilden Westen

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11.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Karl Marx im wilden Westen

Theater: Andcompany zeigt Intelligentes

Die Berliner Theatergruppe Andcompany&Co ist immer für eine Überraschung gut. Nachdem sie in ihrer Trilogie “Little red”, “Time Republic” und “Mausoleum Buffo” die Geschichte des Kalten Krieges neu geschrieben hat, widmet sie sich in “West in peace” jetzt den Indianern.
Interessanterweise geht es auch hier wieder um den Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Und der findet nicht im Wilden Westen statt, sondern im wilden Osten, genauer: auf einem Campingplatz irgendwo in Polen, wo sich ein Grüppchen deutscher Dauercamper in ihren Wigwams, sprich Ein-Mann-Zelten, niedergelassen hat. Am Sonntag war das ebenso intelligente wie unterhaltsame Stück beim Statements-Festival im Pumpenhaus zu sehen.

Jesus, der alte Indianer

Auf einer Bühne, die mit einem stlisierten Kernkraftwerk, einem Gräberfeld, mehreren Zelten und den Relikten eines Western-Saloons mehr als vollgestellt ist, spielt das fünfköpfige Ensemble Karl May gegen Karl Marx aus, dass es eine Freude ist. Von Jesus als dem ersten Indianer ist die Rede und von Barack Obama als aktuellem Oberindianer. Natürlich darf in dem waghalsigen Gedankengebäude auch Winnetou nicht fehlen. Ihn hat es in die Schweiz verschlagen, wo er auf der Suche nach dem Nazi-Gold ist, nachdem die stolzen Apachen ausgerottet wurden, weil sie in Wirklichkeit verkappte Spione des KGB waren oder so ähnlich.
In Joschka Fischers Turnschuhen machen sich die Schauspieler auf den Weg von Ardistan nach Dschinnistan und konfrontieren dabei Marxens Theorie vom Warenfetischismus mit aktueller wirtschaftlicher Realität. In fulminanten Gesangseinlagen werden Legenden wie Rio Reiser und Jim Morrison exhumiert. Mehrmals stockt die Handlung, bis ein Zuschauer bereit ist, einen Euro in eine Sammelbüchse zu werfen, denn: “In diesem Western ist alles erlaubt, außer kein Geld zu haben.”
Es ist ein Feuerwerk assoziativer und gar nicht mal so verrückter Ideen, das hier auf den Zuschauer niederprasselt. Zuerst denkt man, die machen Quatsch. Aber dann tut sich in den grotesk anmutenden Theorien messerscharfe Kritik an einer Situation auf, bei der Finanzspekulanten längst die Rolle der Politik übernommen haben. “Schießt die Banker auf den Mond – das ist Raumfahrt die sich lohnt”, reimt einer der Darsteller in bester Sponti-Manier, während eine andere als Running Gag immer wieder ihren “Karl May aus Radebumms” ins Feld führt.

 

10.05.2010 – Peter Sauer / Münstersche Zeitung: Geschwisterliche Seilschaften

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10.05.2010 – Peter Sauer für die Münstersche Zeitung
Geschwisterliche Seilschaften

Tanz: “Envelopes” zeigt, dass Familienbande Halt und Fluch zugleich sind

Zwei Schwestern (Keren und Reut Levi) sind per Seil miteinander verbunden. Zunächst funktionieren sie wie eine Einheit. Wenn sich Keren nach vorne beugt, muss Reut für genug Widerstand sorgen, damit beide nicht hinfallen. Ob sie im Kreis laufen, zur Seite springen oder übereinander rollen – stets muss jede auf die andere achten. So demonstrieren sie das harmonische Miteinander und Füreinander einer geschwisterlichen Beziehung. Doch dann will jede auf eigenen Beinen stehen. Das Seil, fest mit Karabinerhaken an beiden Körpern befestigt, bremst aber jeden Ausbruchsversuch aus. Wenn Reut nach vorne laufen will, zieht sie Keren automatisch zurück – die Familienbande ist zu eng.

Seilschaften

Was Keren und Reut Levi in dem kleinen Radius ihrer „Seilschaft“ alles an Bewegungen vollbringen ist exzellent getanzte Geometrie des Raumes, wunderbar anzusehen, voller Spannungen und Überraschungen und mit verblüffender Synchronität. Sie tanzen wie siamesische Zwillinge, die unterschiedliche Charaktere verkörpern, aber nicht ohne den anderen auskommen können.

Die Liebenden

Im zweiten Teil zeigen Keren Levi und Tom Parkinson in sehr sanften Bewegungen, wie zwei Liebende wie Geschwister wirken und harmonieren – und umgekehrt. Alles auf zwei Tischen. Eine Kamera steht dazwischen, filmt die Bewegungen der beiden von unten, projiziert sie auf eine Leinwand. Das Publikum kann so die zaghaft zärtlichen Annäherungen und das Schutz- und Stärkegebende der Brüderschaft gleich aus zwei Blickwinkeln betrachten. Dabei ergeben sich scherenschnittgleiche Bilder voller Hingabe und poetischer Wärme.

Klang-Duell

Im dritten Teil holt das Ensemble das Publikum mit auf die Bühne. Das Zwillingsbrüderpaar Tom und Alex Parkinson zelebriert ein furioses Klang-Duell aus unzähligen Alltagsgegenständen, die normalerweise nicht als Musikinstrument dienen, aber gleichberechtigte Teile einer übergeordneten Klangfamilie zu sein scheinen. Minutenlanger Applaus für ein grandioses Tanz- und Musiktheater, das von Herzen kommt.

 

10.05.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: So nah und doch so fern

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10.05.2010 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
So nah und doch so fern

“Envelopes”: Choreografin Keren Levi und Musiker Tom Parkinson gastierten im Pumpenhaus

Miteinander verbunden sein, gezwungenermaßen oder freiwillig. Aneinander gekettet sein oder sich in Liebe zueinander bekennen. Keren Levi (Choreografie) und Tom Parkinson (Musik) beschäftigen sich mit dem Spannungsfeld, in dem sich Geschwister mitunter befinden. In „Envelopes“, einem Performancestück, das im Rahmen des Festivals „Statements“ im Pumpenhaus zur deutschen Erstaufführung kam, stehen zwei Schwestern und Zwillingsbrüder gemeinsam auf der Bühne.

Das knapp einstündige „Tanzkonzert“ gliedert sich in drei kurze Stücke. Den Anfang machen Keren und Reut Levi, wenn sie sich im schwarzen Arbeiteroverall aneinandergekettet gegenüberstehen wie Bergsteiger. In bodenzentrierten, schwerfällig anmutenden Bewegungen streben die beiden Tänzerinnen auseinander, schleifen einander über den Boden oder lassen sich fallen. Zuvor hat das Quartett davon gesungen, Teile einer Kette zu sein, die zusammengehören. Im ersten Teil scheinen sich die Tänzerinnen noch dagegen aufzubäumen, choreografisch wie tänzerisch ist dies allerdings wenig kunstvoll umgesetzt.

Ideenreicher ist der zweite Teil. Eine Kamera nimmt Bewegungen durch eine Spalte zwischen zwei Tischen auf, darauf stehen die Performer. Tom Parkinson projiziert ein Boot auf die Bühnen-Leinwand, das keins sein soll. Es folgen Assoziationen von Wellen und schwankenden Schiffen. Keren Levi und ihr Partner stehen auf den Tischen und verlagern ihr Gewicht von einer Seite zur anderen, drehen sich umeinander, umfassen einander wie im Kampf oder halten sich an den Handgelenken fest. Am Ende ist zwar zu lesen, dass sie auf keiner Insel angekommen sind, aber Halt haben sie gefunden.

Der dritte Teil schließlich steht ohne ersichtlichen Zusammenhang zu den ersten beiden Stücken, die zumindest vom Konzept her zueinander passen. Das Publikum wird auf die Bühne gebeten, um zwei Musikern zuzusehen, wie sie auf Plastikschüsseln und Metallschalen Schlagzeug spielen.

 

10.05.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Stöckelnde Tische vor schnüffelnden Kartons

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10.05.2010 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Stöckelnde Tische vor schnüffelnden Kartons

Miet Warlops “Springville” in der städtischen Ausstellungshalle

Es hat etwas von Kindertheater: Ein Papphaus lässt meterlange, bunte Plastikstreifen aus dem Schornstein qualmen, ein überdimensional großer Jogger, der Länge nach dargestellt von zwei Performern, spricht Fantasiesprache, und ein Pappkarton mit Riechrohr wird zum Sympathieträger, bis ihm plötzlich behandschuhte Arme entwachsen und er den armen, festlich gedeckten Tisch ins Wanken bringt. Die Haustür findet selten Verwendung, die Figuren fallen zum Fenster raus oder rein, um sich bisweilen einer Metamorphose zu unterziehen. So wird die Karikatur des Joggers, diese riesengroße, vitale Figur, schließlich zur überdimensionierten Hose, die sich den „Schädel“ an der nächstliegenden Wand einrennt. Der Sicherungskasten wird zum Krankheitsfall und der niedliche Saugrüssel-Karton zum Schrank, der sich selbst ausräumt.

Der Fantasie von Miet Warlop scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein, ebenso wie der Kraft ihrer Darsteller. Geradezu bedauernswert erscheint der stöckelnde Tisch, wenn ihm immer schwereres Geschirr aufgebürdet wird. Fantastisch, wie die Performerin es schafft, gerade wie ein Holzbrett zu bleiben und schließlich mit voller Tischplatte über den Boden zu kriechen. Bemerkenswert auch die riesige Person, wenn sie sich zu zweit ins Fenster wirft oder kerzengerade umfällt.

Es bleibt spannend bis zum Schluss, wenn alle Gegenstände leblos in irgendeiner Ecke liegen und das Papphaus in Bergen von Plastikfolie untergeht, bevor es mit lautem Knall explodiert. Letztlich gelingt es Miet Warlop mit ihrer komischen Performance, die fantastische Weltsicht auf den Zuschauer zu übertragen, so dass man auf dem Weg nach Hause tatsächlich kurz darauf wartet, dass der Linienbus die Arme ausfährt und freundlich winkt.

 

10.05.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Tischlein, bück dich

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10.05.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Tischlein, bück dich

Theater: “Springville” von Miet Warlop kommt wie eine Screwball-Komödie daher

Es knistert und rumort im riesigen Pappmaché-Haus. Aus dem Schornstein quillen unaufhörlich bunte Plastikbahnen wie materialisierter Rauch. Dann spuckt das Haus einen Mann aus: Mit Karacho schießt er aus dem Fenster und fällt dem Publikum vor die Füße.
Es ist gewiss einer der seltsamsten Auftakte, die man sich für ein Theaterstück vorstellen kann. Und es geht noch seltsamer weiter. Möbel und andere Dinge werden lebendig. Ein Tisch hat schöne, lange Frauenbeine mit verboten hohen Stöckelschuhen, ein Karton serviert Kaffee auf dem Tischrücken, ein Stromkasten explodiert. Nach einer Stunde haben Haus, Mensch und Gerätschaften mit sich und der Welt gekämpft, alle Viere von sich gestreckt, das Haus wackelt, bläht sich, birst und bricht, als seien Hurricane und Erdbeben aufeinander getroffen. Großartig. Aber was, bitte schön, war das?
Das war Miet Warlop. Die Choreografin aus Brüssel hat in der Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst das Stück “Springville” präsentiert, eingeladen vom Theaterfestival “Statements” zum 25. Geburtstag des Pumpenhauses, den das Haus heute mit einer großen Party feiert (siehe Infokasten). Ein Geburtstagsstück, das sich gewaschen hat.

Ohne Worte

Die junge Crew zeigt, was Theater alles kann. “Springville” ist eine Screwball-Komödie ohne Worte. Ein Ding-Gedicht. Es ist detailverliebt, technisch ausgeklügelt, setzt auf Effekte, Slapstick, Akrobatik und Elemente des Straßentheaters, ist poetisch und krachend, ist zärtlich und bollerig. Ein Kreativkosmos mit immer neuen, überraschenden Bildern, die sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Kopf immer weiter ausbreiten.
Geradezu unerhört ist die Rolle des Tisches. Dass eine Schauspielerin es schafft, eine Stunde lang auf High Heels in gebückter Haltung zu stehen, zu gehen und einen Tisch zu spielen, auf dem zunächst eine Obstschale mit Ananas, dann auch noch ein komplettes Kaffeegedeck mit Tassen, Kanne und Sekt abgestellt wird, verlangt allergrößten Respekt ab. Und hocherotisch ist sie dabei auch noch.
Der Humor kommt oft beiläufig, nie Effekthascherisch, ist schwarz und grotesk. Ein Riese im Jogginganzug wird so zerlegt, dass nur noch das Unterteil nervös herumrennt. Der Stromkasten verreckt elendig an der Hauswand. Der neugierige Rohr-Rüssel des Kartons wird radikal gestutzt. All das reizt ungemein zum Lachen. Schallendes Gelächter gibt es gar zum Schluss, als das Haus bricht. Hälse recken sich, die Leute stehen auf, um ja nichts von dem zu verpassen, was da auf der Bühne geschieht.
Und selbst nach der Show kann man sich kaum von dem Chaos trennen. Die Blicke der Zuschauer gehen in den Karton, in dem Miet Warlop höchstpersönlich steckte, aus dem Wasser spritzte und lila Rauch aufstieg. Sie schauen sich die Maschinen an, mit denen eine Riesenplastikplane aufgeblasen wurde, die das Haus scheinbar komplett in die Luft hob. Und sie stehen fasziniert vor den Styropor-Trümmern des Hauses, das seine bizarre Geschichte erzählt hat. Der Wiederaufbau kann beginnen.