20.05.2010 – Klus Baumeister / Westfälischen nachrichten: 1 Volltreffer – 2x “geht so” – 10 Nieten

Pressespiegel

 

20.05.2010 – Klus Baumeister für die Westfälischen nachrichten
1 Volltreffer – 2x “geht so” – 10 Nieten

Was wurde aus den 13 Projekten, die 2004 in der Bewerbungsmappe zur Kulturhauptstadt standen?

„2010 ist bald – aber nicht übermorgen.“ So stand es seinerzeit in der 51 Seiten starken Bewerbungsmappe der Stadt Münster für die Europäische Kulturhauptstadt. 2010 ist jetzt, Essen ist Kulturhauptstadt und am heutigen 20. Mai jährt sich zum sechsten Mal der Tag, an dem Münster eine Abfuhr erteilt wurde. Die WN nehmen das zum Anlass, um noch einmal in die Bewerbung zu schauen und zu überprüfen, ob die eingereichten Projekte in diesem Jahr eine Rolle spielen.

»Projekt „Plan-Spiele/Polyphonie“:

 Das „Verhältnis von Stadt, Raum und Kultur“ sollte in zahlreichen Veranstaltungen näher beleuchtet werden. Das Projekt wurde nicht realisiert. Die von Münster- Marketing veranstalteten „Münster-Morphosen 2009“ zeigten, in welche Richtung es hätte gehen können.

»Projekt „Verbotene Früchte“:

 

Das Kulturhauptstadt-Team wollte Münster mit einem „internationalen kulinarischen Fest des guten Geschmacks“ beglücken, um die Stadt als „Zentrum eines landwirtschaftlich geprägten Umlandes“ zu stärken. Daraus ist nichts geworden.

» Projekt „Uni goes public“

2002 organisierte die Uni unter diesem Titel eine spektakuläre Reihe mit Vorträgen und Kultur-Events an ungewöhnlichen Orten. Mit einer Neuauflage und Weiterentwicklung des Projektes sollte studentisches und universitäres Leben exemplarisch verdeutlicht werden. Das Projekt wurde nicht umgesetzt. Dem Gedanken, eine Verbindung zwischen Hochschulkultur und Stadtgesellschaft herzustellen, fühlt sich aber das von unserer Zeitung initiierte Festival „Neue Wände – Studentische Kultur an den Städtischen Bühnen“ am 30. und 31. Oktober verpflichtet.

» Projekt „Toleranz und Religion – internationale Gespräche“: 

In der Stadt des Westfälischen Friedens war für 2010 eine hochkarätige Veranstaltungsreihe zum Dialog der Religionen geplant. In gewisser Weise hat das Exzellenzcluster „Politik und Religion“ der Uni Münster diese Aufgabe übernommen. Es wurde 2007 gegründet und meldet sich auch 2010 öffentlichkeitswirksam zu Wort.

» Projekt „Die Welt nach 1648 – Europa und der Kolonialismus“: 

Der Westfälische Friede und das Machtstreben in Europa“, dieser Spannungsbogen sollte 2010 umfassend beleuchtet werden. Fehlanzeige!

» Projekt „Datenbank Westfälischer Friede“

Geplant war, die vielen Datenbestände zu „Krieg und Frieden in Europa“ zu einer „virtuellen Bibliothek“ zusammenzutragen. Der Vorschlag erhielt keine weitere Aufmerksamkeit.

» Projekt „Menschenrechte im Bild“: 

Münster strebte für das Kulturhauptstadtjahr eine internationale Kunstausstellung an, welche das Verhältnis von Ästhetik und Wahrheit in der „künstlerischen und journalistischen Bildproduktion“ näher beleuchten sollte. Das Projekt wurde eingestampft.

» Projekt „Skulptur.Projekte revisited“: „Als Rückschau und Ausblick“ planten die 2010-Macher eine Ausstellung, die sich mit der Kunst im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen sollte. Es blieb bei einer Idee.

» Projekt „Megaherz zwanzig zehn“: Das Jubiläum „25 Jahre Theater im Pumpenhaus“ war ein zentraler Punkt im Kulturhauptstadt-Kalender. Volltreffer! Das Pumpenhaus feiert zwar unter dem Titel „Statements“. Aber an dem Theater führt 2010 kein Weg vorbei.

» Projekt „Laboratorium für Förderung“: Der ökonomischen Basis der Kultur und der Frage nach dem „Wie“ ihrer Förderung wollte die Kulturhauptstadt Münster einen eigenen Veranstaltungsblock widmen. Der Gedanke wurde nicht weiter verfolgt.

» Projekt „Junge Meister“: 

Als Standort einer Musikhochschule sollte Münster Austragungsort einer Festivalwoche für talentierte Nachwuchsmusiker aus ganz Europa werden. Zu einer Realisierung kam es nicht.

» Projekt „Akademie für performative und intermediale Kunst im öffentlichen Raum“

Zur Kulturhauptstadt-Bewerbung gehörte der Anspruch Münsters, eine führende Ausbildungsadresse für Kreativberufe zu werden. Die Akademie hat nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt.

» Projekt „Kindermuseum / Kulturforum / Kommunikationslaboratorium“:

Die Bewerbung war eingebettet in ein Konzept zum Bau verschiedener Kultureinrichtungen. Alle drei verschwanden von der Tagesordnung, teilweise leise, teilweise laut.

» Fazit

Nur bei einem von 13 geplanten Projekten kann man Vollzug melden. Es ist das Festival im Pumpenhaus.

Zum Thema

Pumpenhaus

Zwei Projekte durfte die Stadt Münster für das Ruhr-2010-Programm melden, Programmpunkt “National Heroes”. Warum nicht das Festival im Pumpenhaus, dessen Genese bis zur Kulturhauptstadtbewerbung 2004 zurückreicht? “Wir wurden nicht gefragt”, lautet die lakonische Antwort des Pumpenhaus-Geschäftsführers Ludger Schnieder. Kulturdezernentin Dr. Andrea Hanke stellt den Sachverhalt anders dar. Zu dem Zeitpunkt, als die Unterlagen in Essen eingereicht werden mussten, sei das Festival “noch nicht gesichert” gewesen.

 

18.05.2010 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Träume sind eine verrückte Welt

Pressespiegel

 

18.05.2010 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten
Träume sind eine verrückte Welt

Traumfrau oder Traummann – das sagt sich leicht dahin. Jimmy, der schwule Friseur, jedoch ist ein veritables Traumgeschöpf. Er existiert nur, wenn jemand ihn im Schlaf herbeiträumt. „Geboren“ hat ihn einst ein amerikanischer General, der zur Zeit des Korea-Kriegs lebte. Ausgerechnet der bescherte Jimmy den schönsten Moment in dessen Traumexistenz. Der General träumte den Kuss von Jimmy und Mitchell, hauchte jedoch im entscheidenden Moment das Soldatenleben aus. Und Jimmy der Friseur hing 50 Jahre in der Warteschleife. Bis wieder jemand ihn erträumte: Eine Schauspielerin aus Montréal . . .

Marie Brassard ist „Jimmy“. Seit etwa neun Jahren reist die kanadische Schauspielerin und Autorin mit ihrem Stück um die halbe Welt (auch schon nach Münster), schlüpft in die Maske ihres „Traummannes“, erzählt dem Publikum von der Sehnsucht seines Herzens – und führt es dabei immer wieder auch ins Herz der Peinlichkeit. Am Sonntag machte Marie Brassard im Rahmen des „Statements“-Festivals im Pumpenhaus Station und wurde mit euphorischem Fußtrommeln gefeiert. Das Ein-Personen-Stück in Englisch bedeutete fürs Publikum 70 Minuten konzentrierte Aufmerksamkeit.

Viele Lacher gab es dennoch, denn es ist eine kanadische Aktrice, in deren Träumen Jimmy wieder erwacht. Und deren Phantasie kann für schwule Friseure zum Albtraum werden. Jimmy will nichts als seinen Mitchell wiederfinden, der auch in diversen Szenen auftaucht – als Sehnsuchtsbild, das er nicht erhaschen kann. Stattdessen muss er qualvoll registrieren, dass sein kurzer Blondschopf den schwarzen Zöpfen einer Frau gewichen ist, ja dass er sich plötzlich seinen Körper mit der Mutter der Schauspielerin teilen muss, als Hermaphrodit.

Die Träumende katapultiert Jimmy in bizarre Welten, frönt öffentlich der Selbstbefriedigung (wofür er sich treuherzig entschuldigt), und am Ende mutiert er zum Hund, der sich bissig gegen die Traum-Chefin behauptet. Mit seinen falschen Augenbrauen blickt Jimmy stets erstaunt (oder entsetzt?) in die Welt. Marie Brassards Stimme verfremdet die Technik ähnlich wie bei Zeugen im Fernsehinterview, die unkenntlich gemacht werden.

Was zunächst wie eine poetische Posse über Geschlechter-Verwirrung wirkt, entpuppt sich als verspielte Reflexion über Träume und das, was sie mit uns machen. Sich in der eigenen Phantasie zu verlieren, kann vergnüglich sein. Ganz in fremden Träumen zu leben, ist aber furchtbar.

 

18.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Beim Küssen bleibt die Welt stehen

Pressespiegel

 

18.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Beim Küssen bleibt die Welt stehen

Theater: Marie Brassards Traumsolo “Jimmy”

Jimmy ist ein schwuler Friseur, der sich Hals über Kopf in einen schneidigen Soldaten namens Mitchell verliebt. Doch gerade als er seinen Angebeteten zum ersten Mal küssen will, bleibt plötzlich die Welt stehen. Das liegt daran, dass Jimmy kein wirklicher Mensch ist, sondern das Traumgeschöpf eines amerikanischen Generals, der in diesem Augenblick stirbt. Damit versetzt er Jimmy in einen existentiellen Schwebezustand, der mehrere Jahre anhält. Bis er von einer jungen Schauspielerin weitergeträumt wird, die Mitchell allerdings nicht mit in ihren Traum hineinnimmt.

Die Idee von der Welt als Traum eines betrunkenen Gottes ist nicht neu und manchmal auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Eine originelle Variante dieser Theorie entwickelt die kanadische Schauspielerin Marie Brassard in ihrem Solo “Jimmy”, das sie am Sonntag beim Statements-Festival im Pumpenhaus aufführte. Auf einem kleinen Podest erzählt sie dem Publikum, was Jimmy auf seiner Odyssee durch die Welt der Träume alles erlebt.

Andy Warhol tritt auf, Rapunzel, eine Fischverkäuferin, ein kleines Mädchen und die Mutter der Schauspielerin. Hinzu kommen Jimmys eigene Gedanken, die sich ebenfalls in Traumhandlungen manifestieren und die ohnehin komplexe Struktur des in englischer Sprache aufgeführten Stücks noch komplexer machen.

Mithilfe eines Tonabnehmers, der ihre Stimme in unterschiedliche Tonlagen transportiert, wechselt die Schauspielerin zwischen den verschiedenen Traumidentitäten des Protagonisten. “Jimmy” überzeugt denn auch durch eine große Vielfalt an Stimmungen, die Brassard mit teils minimalem Einsatz glaubhaft zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt ein feiner, hintergründiger Humor.

 

17.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Zu Mördern gemacht

Pressespiegel

 

17.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Zu Mördern gemacht

Fringe/Phönix 5 spielen im Landgericht “Winter im Morgengrauen”

Es mag sein, dass im Hauptgerichtssaal des Landgerichts auch mal ein Schmierentheater stattfindet. Jener „Fall“ allerdings, der hier am Samstagabend „verhandelt“ wurde, war eine dramaturgische Inszenierung und wurde zu einer beeindruckenden Vorstellung der drei Akteure Manuel Klein, David Fischer und Harald Redmer, einst Mitbegründer des „Pumpenhaus“-Theaters.

Es ist die Sprache, die als Erstes verwahrlost, wenn eine Gesellschaft anfängt zu verrohen. Da wird die systematische Ausrottung von Menschen hygienisch zur „Säuberung“. Neue Rekruten beim Militär übernehmen leicht unmittelbar und unreflektiert den Jargon ihrer Vorgesetzten. Kommandoton und Sprache wird im Krieg zum ersten Anzeichen der Entseelung des Einzelnen zugunsten der Gruppe, zugunsten der „Sache“. Der Soldat wird zum Handlanger. Der Handlanger mutiert auf Befehl zum blindlings handelnden Monster.

In seinem Roman „Winter im Morgengrauen“ entlarvt der dänische Autor Jens-Martin Eriksen die Taktik von Befehlshabern, Gräueltaten als rein mechanische Vorgänge zu versachlichen. Exekutionen heißen hier „Abschluss“, die Ermordeten „die Begleiteten“, der Weg vom Dorf in den Wald zur Massen-Erschießung wird „Begleitarbeit“ genannt.

Der namenlose Ich-Erzähler aus dem Roman wird auf der Bühne durch die drei im Alter aufsteigenden Schauspieler von „fringe ensemble/phoenix5“ dargestellt. Dies erweist sich als ein gelungener Kunstgriff der Dramaturgie. So wird der Protagonist zu dem „Universal Soldier“ aus dem Lied von Donovan, der überall eingesetzt werden kann, der kein Gesicht hat, keinen Namen, kein spezielles Alter, der nur eines kennt: das Prinzip von Befehl und Gehorsam.

Das gezeigte Theaterstück ist die kongenial umgesetzte Bühnenadaption des Romans. Die Darsteller reklamieren ihren Text wie bei einer Aussage vor Gericht. Die Zuschauer werden zu Geschworenen in einem Prozess. Doch verstehen sich die Ich-Erzähler nicht als Angeklagte, sondern eher als Zeugen. Sie agieren, als erzählten sie einfach die Geschichte von sich und ihren Kameraden, wie sie – herausgerissen aus Familie und Alltag – irgendwo im Niemandsland zu Mördern an der Zivilbevölkerung gemacht wurden. Doch jeder spürt: Hier will sich einer rechtfertigen. Einer, der sich rehabilitieren muss, vor sich selbst, um wieder ein „normales“ Leben führen zu können. Doch das Urteil spricht am Ende nicht ein Richter. Das Urteil stand längst fest. Denn allen, die dabei gewesen sind, war klar: Sie hatten sich bereits verwandelt in lebendige Tote.

 

17.05.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Das Grauen ist reine Kopfsache

Pressespiegel

 

17.05.2010 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Das Grauen ist reine Kopfsache

Abattoir Fermé zeigt im Pumpenhaus “Mythorbarbital – Fall of Titans”

Der Bühnenraum im Pumpenhaus ist schwarz und still, eine Frau schluchzt. Ab und zu wird es blitzartig heller, und man meint Gitter zu sehen. Später wird deutlich, dass es nur die Verstrebungen eines Glastisches sind – kein Gefängnis.

„Mythobarbital – Fall of Titans“, die Performance der Belgischen Company Abattoir Fermé, die im Rahmen von des „Statements“-Festivals Deutschland-Premiere feierte, spielt mit den Phantasien des Zuschauers, lässt ihn das Grauen im Kopf ergänzen oder überrascht durch Ironie und Komik, wo sich menschliche Abgründe auftun. Da zittern Frauen vor lärmenden Staubsaugern, ein Mann mit blutunterlaufenen Augen lässt den Arm nach vorn schnellen, um Zigaretten zu spendieren und eine tote Hauskatze wird, königlich wie ein Pharao, unter einem Regen aus Katzenstreu begraben.

Regisseur Stef Lernous lässt sein absurdes Horrorkabinett zu Hause, auf dem Sofa, beginnen. Zwei Frauen in Hosenanzug und Abendkleid schlürfen Red Bull, während sich ein Mann, mehr tot als lebendig, mit schwarzem Kaffee den Mund zur Fratze malt. Ausdrucksstarke Szenen reihen sich aneinander, wenn die drei Darsteller langsam und stoisch ihre Bewegungen wiederholen, immer am Rande des Erträglichen. Nach dem Tod der Katze scheinen sich animalische Sphären zu öffnen. Kirsten Pieters zwängt sich erst, apathisch und ferngesteuert wie in einem Drogenrausch, unter den gläsernen Couchtisch, um dann, wie Schneewittchen wachgeküsst, mit schweren Augenlidern zur Katze zu mutieren. Darauf verwandeln sich die anderen beiden in Hunde, die die halbnackte Verführerin erst wie Jäger, dann wie Diener einer Geliebten, mit Milch überschütten.

Wie in einem Alptraum entwickelt sich die sprachlose Performance, wenn Tine van den Wyngaert mit einer Axt auf den Boden einschlägt und schließlich nackt zusammenbricht, damit der an Dracula erinnernde Chiel van Berkel sie zu Krengs dramatisch-cineastischer Musik mit Weintrauben bedecken und wie in Gedärmen darin wühlen kann. Man wartet nur darauf, dass er endlich mit der Axt auf eine der Frauen einschlägt, was natürlich nicht passiert. Der wirkliche Horror entwickelt sich bis zum Schluss im Kopf, darauf kann sich das Ensemble in seiner kunstvoll psychedelisch-morbiden Performance verlassen.

 

17.05.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Schneewittchen bleibt ungeküsst

Pressespiegel

 

17.05.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Schneewittchen bleibt ungeküsst

Theater: Abattoir Fermés düstere Horror-Märchen im Pumpenhaus

Geredet wird schon lange nicht mehr in dem bürgerlichen Wohnzimmer, das die belgische Theatergruppe Abattoir Fermé für „Mythorbital – Fall of Titans“ auf die Bühne des Pumpenhauses gebaut hat. Dafür verstreut man Cornflakes und Hundefutter über den Boden. Aber beides bleibt unangetastet. Kein Mensch will essen, und das Haustier ist, wie sich später herausstellt, irgendwo in den Tiefen des Sofas verendet. Selbst der Beleuchter scheint lustlos und taucht die Szenerie in ein düsteres Halbdunkel.

Beckett ohne Worte
Die Langeweile ist förmlich zu greifen, und der Zuschauer glaubt schon, sich in einer Art Beckett ohne Worte verirrt zu haben. Bis die Protagonisten sich nach einiger Zeit doch noch besinnen und die Situation retten, indem sie verschüttete Kindheitserinnerungen mobilisieren. Eine richtige Geschichte entwickelt sich dadurch zwar nicht. Dafür entstehen wunderlich-fantasievolle Bilder, die irgendwo im Grenzgebiet zwischen Traum und Albtraum siedeln.

Als Kirsten Pieters Rock und Bluse auszieht und sich unter einen Glastisch legt, ist sie Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg, die jetzt eigentlich von Chiel van Berkel als Prinz wachgeküsst werden sollte. Was aber nicht geschieht, weil dem die Situation entweder zu unheimlich oder zu erotisch aufgeladen ist und er deshalb erst mal eine Zigarette rauchen muss. In ähnlicher Weise scheitert das restliche Personal, das Regisseur Stef Lernous auffahren lässt – Rapunzel, der Zauberer von Oz, Jesus Christus.

Horror-Parodie
Wie in „Tourniquet“, das zwei Tage vorher auf dem Spielplan stand, arbeitet Abattoir Fermé auch in „Mythorbital“ wieder mit Bildern und Szenen, die an Horrorfilme erinnern. Nur dass das Ganze hier durch eine kräftige Portion Witz ad absurdum geführt wird. Fast hat man den Eindruck, die Truppe wolle mit dem einen Stück das andere parodieren. Besonders deutlich wird das, wenn Tine Van den Wyngaert nackt und mit einer riesigen Axt bewaffnet den Bühnenboden traktiert, dass die Holzsplitter nur so fliegen.

 

15.05.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Druckverband mit Risiken und Nebenwirkungen

Pressespiegel

 

15.05.2010 – Gerold Marius Glajch in den Westfälischen Nachrichten
Druckverband mit Risiken und Nebenwirkungen

“Abattoir Fermé” präsentierten im Pumpenhaus ihr Gruselstück “Tourniquet” in deutscher Erstaufführung

Geschockt und sprachlos entließ die Theatertruppe „Abattoir Fermé“ das Publikum des Pumpenhauses am Mittwochabend. Genauso „sprachlos“ wie die zuvor gute achtzig Minuten lang agiert hatte. Es dürfte noch etwas dauern, bis sich die vielen Versatzstücke aus Psychogrammen unterschiedlichster Realitäten bei jedem einzelnen Zuschauer in ein verwertbares Gesamtbild verwandeln. Der nachwirkende Grusel wie bei Horrorfilmen wurde bewusst inszeniert. Denn etwas Effektiveres kann ein Theaterstück kaum erreichen als einen langen Nachhall.

 „Tourniquet“ (auf Deutsch Druckverband) handelt von Ritualen. Das Stück bedient sich plakativer Symbole aus Religion und Kunst, um die Urgewalten darzustellen, die unter der Fassade moderner Zivilisationen auf ihren Ausbruch lauern. Rituale schützen uns, andererseits bedrohen sie uns. Rituale bestimmen unser Leben. Dabei soll alles Ausdruck unserer Individualität sein: Morgentoilette, Frühstück, Begrüßungen. Taufe, Hochzeit, Beerdigungszeremonien. Mode, Wohnen, Arbeit. Indes: Wir folgen oft nur ritualisierten Vorgaben. Die monotheistischen Religionen unterscheiden sich weniger in ihrem Gottesbild, sondern durch die unterschiedlichen Rituale bei Gottesdiensten und Gesetzesauslegungen.
Genau hier finden die drei Akteure aus Belgien ihren dramaturgischen Ansatz. In das tiefenschwarze, lautlose Nichts des Raumes dringt ein monotones Quietschen. Licht enthüllt langsam eine bizarre Szenerie: ein Mini-Karussell – ein langer Balken ruht auf zwei Stäben. Die ein Meter hohe Mittelachse ist fest, ein Ende ruht auf Rollen, das frei schwebende andere Ende dient einem menschlichen Motor als Hebel, um den Balken im Kreis zu drehen.
Im Vordergrund liegt eine Frau in einer Badewanne. Im Hintergrund der dritte Darsteller. Die drei Schauspieler tragen weiß geschminkte Gesichter. Sonst nichts. Die Bewegungen frieren ein. Akteure starren staunend auf Publikum. Das Publikum starrt staunend zurück.

Von nun an bohren sich eine hypnotisch dröhnende Klangkulisse und die sich zeit­lu­pen­haft verändernden Szenenbilder unaufhaltsam in die Köpfe der Zuschauer. Aus dem Balken wird eine Theke, wird eine Bühne, wird ein Kreuz, wird ein Altar. Aus den Nackten wird eine Festgesellschaft, wird eine Orgie, wird zur Szene aus dem „Blauen Engel“ mit Hakenkreuzfahne, „Lola“ wird zur Striptänzerin, wird zum Aktgemälde, wird zur Leiche, wird zur Pieta, wird zum Zombie, wird zur Gekreuzigten, wird zur Priesterin, wird zum Opfer bei Ritualmesse, wird alles wieder still und starr und nackt und endet.

 

15.05.2010 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Körpervergötzung ist seelenlos

Pressespiegel

 

15.05.2010 – Gerhard H. Kock in den Westfälischen Nachrichten
Körpervergötzung ist seelenlos

New Yorker Theater zeigte in der Ausstellungshalle Uraufführung von “Confessions”

New Yorks Theaterszene muss kitschig, brav und spießig sein. Wenn die „One Heart Productions“ aus den USA vom Pumpenhaus als „freie Radikale“ angekündigt werden, die „widerspenstiges“ Theater machen, dann müssen die Bühnen am Hudson völlig unspektakulär sein. Mario Golden und Andreas Robertz jedenfalls stellten im Rahmen des „Statements“- Festivals als Uraufführung ihre neuste Produktion vor und: „Confessions of a Gay Sex Addict“ ist ein dramaturgisch ordentlich gezimmertes Solo, das sich am Beispiel eines Teils der Schwulenszene mit dem Thema Sexsucht beschäftigt.

Die gut einstündige Inszenierung der Lebensbeichte von Felipe durch Regisseur Andreas Robertz (bis 2002 an den Städtischen Bühnen) beginnt fast sittenstreng mit kopulierenden Schatten, die verzerrt an die Wand der Städtischen Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst geworfen werden. Die Bühne ist spärlich, aber präzise möbliert: Im roten Sitzmöbel aus Leder wird Felipe privat plaudern, auf dem weißen aus Porzellan gewährt er intime Einblicke in sein pubertäres Initiationserlebnis, und der rote Läufer bietet ihm die Möglichkeit, sich zu exponieren: zu klagen, zu flehen, zu hadern.

„Geld oder Liebe?“ wäre da das geringste Problem. Felipe verkauft zwar auch erfolgreich seinen Körper. Aber sein Problem reicht viel tiefer. Felipe ist sexsüchtig, hat sich aber in Max verliebt und muss nun in dieser Nacht eine Entscheidung treffen: weiter Körper konsumieren oder eine persönliche Beziehung führen, die Gewissheit einer erfolgreichen Jagd nach Triebbefriedigung oder die Hoffnung auf tiefe Ruhe und Geborgenheit.

Ganz klassisch verweist das Stück auf Elternhaus und Kindheit. Das Scheitern von Vater und Mutter benennt Felipe gnadenlos und verurteilt es selbstgerecht, um sich Minuten später in Verzweiflung zu stürzen. Hymnisch frönt Felipe seiner Körpervergötzung, besingt die Kraft und die Herrlichkeit des Fleisches in einer Weise, die auch ein Sportwagen-Fahrer kaum weniger enthusiastisch zum Besten geben würde.

Darsteller Mario Golden führt seine Figur dabei eng, ergeht sich nicht in exaltiertem Pathos und zeigt in unprätentiöser Weise seinen Körper wie Gott ihn erschuf und er ihn verzierte. Überhaupt ist Sachlichkeit charakteristisch für das Spiel und die Inszenierung dieser Produktion. Euphorie und Elend werden ehrlich wie echt erzählt. So als sollte hier raue Wirklichkeit gleich einer Sauce nur vorsichtig eingedickt werden, um Süße und Schärfe deutlicher hervortreten zu lassen.

Am Ende greift Felipe sich einen Karton. Seine Hände umschließen zärtlich einen kleinen Teddy, als wollten sie auch dem kleinen Felipe Geborgenheit geben. Nach einer langen Pause legt er das Kuscheltier zurück. Er nimmt eine Kerze und bläst sie aus. Freundlicher Applaus. Ein Stück über den Körper und seine Sehnsucht nach Seele.

 

15.05.2010 – Sabine Müller in Münster Kultur 2010: Die Welt tanzt in Münster

Pressespiegel

 

15.05.2010 – Sabine Müller in Münster Kultur 2010
Die Welt tanzt in Münster

Die Internationalen Tanztage geben Einblicke in die zeitgenössische Szene

Wer wissen will, was zeitgenössischer Tanz ist, kann das von 22. Mai bis 5. Juni in Münster herausfinden. Die Internationalen Tanztage präsentieren Klassiker, deutsche und europäische Erstaufführungen sowie zur Eröffnung eine Uraufführung. Hier trifft sich das Who is Who der Tanzwelt und gibt einen Einblick in die zeitgenössische Tanztheaterszene.

Münster ist eine Stadt des Tanzes. In den 20er Jahren war der legendäre Tänzer und Choreograf Jooss als Ballettmeister an den Städtischen Bühnen Münster engagiert. Er war es auch, der 1928 in Essen das Folkwang-Tanztheater-Experimentalstudio gründete, das in den 30er Jahren als “Wiege” des deutschen Ausdruckstanzes und Wegbereiter des “German Dance” in aller Welt galt. Heute heißt das Studio Folkwang Tanzstudio. Daniel Goldin, der seit 14 Jahren als Choreograf an den Städtischen Bühnen Münster tätig ist, war zuvor Mitglied des Folkwang-Studios unter der Leitung von Pina Bausch (eine Schülerin von Kurt Jooss). Für die Internationalen Tanztage hat Goldin sich dieser Wurzeln besonnen und mit dem Folkwang Tanzstudio zusammen gearbeitet. Die Uraufführung “Projekt Cage” mit Tänzern aus Münster und Essen ist die zweite große Uraufführung Goldins in dieser Spielzeit und zugleich das Eröffnungsstück des Festivals. Der Kreis schließt sich.

Am Puls der Zeit

Doch die Städtischen Bühnen stemmen das Festival nicht alleine. Ihr Partner ist das Theater im Pumpenhaus, die zweite große Bühne für zeitgenössischen Tanz in der Stadt. Theaterleiter Ludger Schnieder lädt seit Jahren die Ensembles in sein Haus ein, die mit richtungsweisenden Produktionen neue Trends setzen. “Tanz ist das Medium, das noch schneller am Puls der Zeit ist als das Theater”, sagt er. Das ist nicht immer einfaches Theater. Es gibt zwar ein treues Tanzpublikum, gerade in Münster, der Stadt der vielen Ballettschulen, doch oft, so wissen Goldin und Schnieder, gebe es auch Berührungsängste, Sorge, das Geschehen auf der Bühne nicht zu verstehen. Das Festival will diese Angst nehmen. “Wir wollen zeigen, was Tanz sein kann, wie vielfältig er ist”, so Goldin.
So wird Susanne Linke, die große Dame des deutschen Tanzes, die in den 70er Jahren das Folkwang Tanzstudio leitete, fünf ihrer berühmten Soli zeigen. Zwei davon tanzt sie selber. Darunter das 1980 entstandene und immer wieder aufgeführte Stück “Im Bade wannen”, wo sie tatsächlich mit einer Badewanne auf der Bühne tanzt – zu Musik von Eric Satie.
So wird es skurrile Momente mit Raffaela Giordano geben. Sie gilt als Revolutionärin der italienischen Tanzszene, wurde vielfach ausgezeichnet, auch für das Stück “Quore”, das sie in den Städtischen Bühnen präsentiert. Vier Tänzer wagen sich an die Unvollkommenheit des alltäglichen Lebens, erklären wie chaotisch und sinnentleert es sein kann: “Verstörend, aber spannend”, verspricht Tanztheaterdramaturg Ardan Hussain.

Elf Gastspiele

Elf Gastspiele gibt es während der zwei Wochen, teils im Pumpenhaus, teils in den Städtischen Bühnen. Ein Ausstellungsprojekt mit Tanzfotografien von Matthias Zölle an verschiedenen Orten der Innenstadt, eine riesige Videoinstallation von “Urbanscreen” in der City gehören ebenfalls mit zum Programm und zum Abschluss gibt es eine große Rockoper. Die Choreografen und Tänzer kommen unter anderem aus Japan, Korea, Kanada, Frankreich und Belgien, Berlin, der Schweiz und natürlich – aus Münster.

 

15.05.2010 – Münster Kultur 2010: Veranstalter

Pressespiegel

 

15.05.2010 – Münster Kultur 2010
Veranstalter

Theater im Pumpenhaus

“Ohne das Theater im Pumpenhaus wäre die Stadt Münster auf der Landkarte des modernen zeitgenössischen Tanzes in Deutschland weitgehend ein großer weißer Fleck. Wir haben die Stars des modernen Tanzes schon in Münster gezeigt als sie noch „no names“ waren: Sascha Walz, Meg Stuart, Helena Waldmann oder Dumb Type. Selbst Daniel Goldin war bei uns zu Gast, bevor er an den Städtischen Bühnen heimisch wurde. Jetzt freuen wir uns, zusammen mit ihm und seinem Ensemble die „Internationalen Tanztage“ zu präsentieren. Ein Tanzfest mit Freunden. Wir haben spannende, schräge, extrem große und extrem kleine Formate eingeladen. Tanz am Puls der Zeit. Wir laden herzlich!”
Ludger Schnieder
Leiter Theater im Pumpenhaus

Städtische Bühnen Münster

Der kultur- und bildungsbeflissene Kurfürst Franz Freiherr von Fürstenberg ließ 1774 im ehemaligen Schlachthaus der Metzgergilde am Roggenmarkt nach Plänen des damaligen Stararchitekten Wilhelm Ferdinand Lipper das sogenannte Komödienhaus errichten, Münsters ersten Theaterbau.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts begeisterte das Theater mit fortschrittlichen Aufführungen von Werken Giacomo Meyerbeers und Richard Wagners sein Publikum. Prominentester Akteur an dieser Spielstätte war Albert Lortzing, der zwischen 1826 und 1833 als Schauspieler und Sänger in Münster tätig war und später mit seiner Oper “Zar und Zimmermann” Musikgeschichte schreiben sollte.

Nach dem Abbruch des Hauses 1890 entstand mit dem wenige Jahre später eröffneten Lortzing-Theater im ehemaligen Adelshof der Familie von Romberg an der Neubrückenstraße ein eleganter Theaterbau, der mit der benachbarten, 1920 fertig gestellten Stadthalle ein einzigartiges architektonisches Ensemble darstellte.

Nach seiner Zerstörung im 2. Weltkrieg fiel der Entscheid gegen eine originalgetreue Rekonstruktion der verlorenen Bauten: Als “Donnerschlag” in der Theaterarchitektur feierte die Fachpresse den Neubau der Städtischen Bühnen Münster durch die Architekten Harald Deilmann, Max von Hausen, Ortwin Rave und Werner Ruhnau im Jahre 1954.

Die Städtischen Bühnen Münster mit Wolfgang Quetes als Generalintendant vereinigen heute mit dem Musiktheater, dem Schauspiel, dem Kinder- und Jugendtheater, dem Tanztheater sowie dem Symphonieorchester unter der Leitung von Fabrizio Ventura fünf Sparten unter einem Dach. Rund 25 Premieren bei 550 Aufführungen pro Spielzeit garantieren ein anspruchsvolles Programm, das durch die Produktionen der Niederdeutschen Bühne, zahlreiche Gastspiele, Lesungen, Vorträge und Ausstellungen vielfältig ergänzt wird.