30.03.2011 – Manuel Jennen / Münstersche Zeitung: Theaterstück “Virgin Suicides” – Tödliche Diplomarbeit

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30.03.2011 – Manuel Jennen für die Münstersche Zeitung
Theaterstück “Virgin Suicides” – Tödliche Diplomarbeit

Regisseurin Ruth Schultz zeigt im Pumpenhaus ihre “Virgin Suicides”

 Wie erwirbt eine Regie-Studentin ihr Diplom? Sie überzeugt die Professoren mit einer tollen Inszenierung. Ruth Schultz schaffte das im vergangenen Herbst an der Essener Folkwangschule mit einem düsteren Stück: den „Virgin Suicides“ (Jungfrauen-Selbstmorden) des Romanautors Jeffrey Eugenides.

Schultz betreibt mit dem münsterschen Elektro-Komponisten Kai Niggemann das Theaterlabel „Paradeiser“ und bringt die „Suicides“ am Donnerstag und Freitag auf die Bühne des Pumpenhauses.

Zu sehr behütet

Die Regisseurin und der Musiker erzählen so lebendig, dass man auch ohne Theater sofort in der amerikanischen Kleinstadt-Welt der fünf „Jungfrauen“ versinkt. Einer spießigen Welt der 1970er Jahre. Die Mädchen sind wohlbehütete Teenagerinnen, ihr Vater ist Lehrer, die Mutter Hausfrau. Die Töchter dürfen nur zur Schule und in die Kirche, die Eltern halten sie streng unter Verschluss.

Das treibt die Jungen des Ortes zur Raserei. Sie beobachten die Mädchen auf Schritt und Tritt, sind total verknallt – und werden Zeugen, wie sich alle fünf Schwestern umbringen. Die Jüngste beginnt. Sie wird beim ersten Versuch noch gerettet, und die Eltern geben vor Schreck ihre Abwehrhaltung auf und laden die Jungs zu einer Party für ihre Töchter ein. Doch das hilft nichts mehr. Die Mädchen geraten in einen Rausch der Selbstzerstörung und inszenieren am Ende einen grauenhaften Gruppen-Selbstmord.

Keine Antworten

Warum tun sie das? Weil sie das Eingesperrtsein nicht mehr ertragen? Weil die Jungen sie zu sehr bedrängen? Weil sie verrückt sind? „Das Buch gibt keine Antwort. Es trägt nur unendlich viele Details und Beobachtungen zusammen“, erklärt Ruth Schultz. „Und unsere Inszenierung lässt die Frage auch offen.“

Zumal hier nur die Männer reden und die Frauen schweigen. Die beobachtenden Jungen sind Schauspieler, die Mädchen aber Tänzerinnen ohne Text. Sie bewegen sich zu Kai Niggemanns Live-Elektro-Musik.

„Es war mir wichtig, die Mädchen nicht von Anfang an als scheintote Zombies zu zeigen, sondern als lebensbejahende junge Frauen, die sich erst im Lauf des Stücks durch die Verhältnisse verändern“, sagt Schultz.

Die „Virgin Suicides“ wurden 1999 sehr erfolgreich von Sofia Coppola verfilmt, mit Stars wie Josh Hartnett und Danny DeVito. Ruth Schultz hat sich jedoch an das Buch gehalten und den Film nicht angeschaut: „Sofia Coppola hätte mich sonst bestimmt zu sehr beeinflusst.“

28.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Finger und Zehen verklammern sich

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28.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Finger und Zehen verklammern sich

Tanz: “Russia: The Next Generation”

Klein und zierlich steht sie da in ihren viel zu großen Kleidern, als hätte sie versehentlich den Schlafanzug ihres älteren Bruders erwischt. So schaut sie hinaus in eine Welt, die von lieblichem Klavierspiel erfüllt ist, und beginnt zu tanzen. Schön ist das, anmutig und elegant. Bis sich plötzlich hässliche Straßengeräusche in die Idylle mischen. Die Irritation nimmt in der nächsten Szene noch zu, wenn die Täzerin mit Gasmaske über die Bühne robbt. Eine etwas wuchtige Symbolik, sicherlich, aber am Ende zwitschern dann doch wieder die Vögel, Kinderlachen, und alles scheint nur ein böser Traum gewesen zu sein. Oder doch nicht?
“Remebering Reality” nennt Yana Golovchenko ihr Solo, mit dem sie im Pumpenhaus den Tanzabend “Russia: The Next Generation” eröffnete. Drei Choreografien standen auf dem von Olga Pona kuratierten Programm, das die junge Garde des neuen russischen Tanzes vorstellte – jedes der Stücke etwa 20 Minuten lang und jedes in seiner künstlerischen Anmutung wieder ganz anders als das vorhergehende.
So entwickelt Natalia Podkovyrova in “Significance” eine Art Antiästhetik, indem sie ihre Gliedmaßen wie kleine Marionetten über die Bühne trippeln lässt. Nicht große, frei sich entfaltende Bewegungen bestimmen hier den Tanz, sondern ein raffiniert in sich verkrampfter Gestus. Das wird besonders deutlich, wenn sie Finger und Zehen verklammert und sich dann mit hektischem Zucken wieder freizustrampeln versucht. Oder wenn sie in völlig verkrümmter Haltung – kopfüber, die Beine in der Luft – bis zur Erschöpfung auf der Stelle läuft.

Paarbeziehung

Den größten Eindruck hinterließ aber das Duett “Ultimate Illusion”  von Elena Prishvitsyna und Vladislav Morosov. Die beiden langjährigen Tänzer des Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre bilden in ihrer fantasievollen und virtuos umgesetzten Choreografie eine scheinbar alltägliche Paarbeziehung ab.
Es beginnt damit, dass eine Frau nach einem Wolkenbruch auf einen Mann stößt und ihm die Jacke auszieht, um damit ihre nassen Haare zu tocknen. Nach einem chaplinesken Kosakentanz seinerseits, auf den sie mit heißen lateinamerikanischen Rhytmen antwortet, liegen sie sich in den Armen – bis ihr die ganze Sachen zu eng wird und sie ihn wieder abschüttelt.

26.03.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Unterbrechungen führen am Ende zu Liebe

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26.03.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Unterbrechungen führen am Ende zu Liebe

Tänzer dehnen ihre Arme in die Weite, ziehen lange Beine in die Höhe. Kurze, abrupte Bewegungen bilden den Kontrast dazu, mal als Solo, mal zu zweit oder in der Gruppe. Der eine bewegt den anderen, aggressiv, mit angedeuteten Tritten männliche Tänzer untereinander, fließend, mitunter harmonisch, die Tänzerinnen.

Continuous Interruptions“ ist der Titel von Olga Ponas aktueller Produktion, die nur wenige Tage nach ihrer Weltpremiere in Russland von 13 erstklassigen Tänzern des Chelyabinsk Contemporary Dance Theatres auf die Bühne des Pumpenhauses gebracht wurde. 

Konkrete Inhalte lassen sich schwer ausmachen. Es geht abstrakt um „die Suche nach flüchtigen Konstanten in einer zersplitterten Welt“. 

Tänzerisch bringt die russische Choreografin ihr Thema zum Greifen nah. Die Tanz-Sequenzen in Solo-Stücken, Pas de deux oder Gruppen-Choreografien sind letztlich Gebilde aus Körpern, die es zueinander drängt, ohne bleiben zu können. Faszinierende Szenen entstehen; im Bewegungsfluss formen sich immer neue, ästhetische Tanz-Bilder. Die Choreografie ist athletisch und akrobatisch, schnell und fordernd vom Anfang bis zum Schluss, dabei beeindruckt jede Tänzerpersönlichkeit für sich durch Ausdruck und Virtuosität. 

Olga Pona, die Pionierin des zeitgenössischen Tanzes in Russland, hat ihre Tanzsprache weiter entwickelt, bis hin zur Perfektion. Wirkten frühere Produktionen weniger ausgereift und mitunter dem Turnen näher als dem Tanz, so präsentieren sich Tänzer wie Choreografin jetzt in Höchstform. Dabei sind es gerade die Unterbrechungen (interruptions), die das Stück so spannend machen. Gebrochene Bewegungen gehören ebenso dazu wie der Wechsel von einer Stimmung zur nächsten oder der Kontrast von Geräuschen, schneidend-hohen Tönen und melodisch eingängiger Musik.

Wirken die Tänzer-Beziehungen über lange Strecken ohne echten Zusammenhalt, so scheinen sich gegen Ende Liebe und Optimismus durchzusetzen, wenn Paare einander in der Umarmung finden oder Freundinnen eng nebeneinander auf dem Boden liegend, Sterne beobachten. Eine Vision, die über jegliche Grenzen hinweg anrührt.

25.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Virtuoses aus der Provinz

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25.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Virtuoses aus der Provinz

Tanz: „Continuous Interruptions“ von Olga Pona werden im Pumpenhaus gefeiert

Es fängt dezent an, mit Soli, die sich immer mehr verzahnen und dabei an Dynamik zulegen. Bald agieren die Tänzer in Zweier-, dann in Vierergruppen. Gliedmaßen verschlingen sich und testen Hebelgesetze aus.

Die Gangart ist ein Mix aus modernem Ausdruckstanz, in den sich Elemente des klassischen Balletts, aber auch Ansätze von Breakdance mischen. Allerdings verfremdet. Der Ghetto-Tanz tendiert hier deutlich ins Künstlerische, während der sterbende Schwan ein bisschen nach Straßenköter riecht. Dazu eine Musik, die atmosphärisches Rauschen imitiert, rhythmisiert durch träge Bassschläge und mit einem elektronischen Fiepen als Melodiebogen.

Keine Geschichte

Olga Ponas neues Stück „Continuous Interruptions“ versammelt 13 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne des Pumpenhauses. Im Unterschied zu früheren Werken der russischen Choreografin wird hier aber keine Geschichte erzählt. Der Ansatz ist ein abstrakter. Es geht um „die Suche nach flüchtigen Konstanten in einer zersplitterten Welt“. Konkret kristallisiert sich dabei eine permanente Wechselwirkung zwischen Kollektiv und Individuum heraus, die in der sibirischen Provinz auf ihrem Weg vom Sozialismus zum Kapitalismus sicher eine andere Bedeutung hat als im Westen.
Ein zweites auffälliges Kriterium ist der ständige Wechseln von Stimmungen. So kann sich das Ensemble zu einer regelrechten Pastorale mit Anklängen an fröhlichen Volkstanz formieren, um im nächsten Augenblick in archaische Zweikämpfe zu kippen, in deren Folge sich die Männer die verfügbaren Frauen schnappen und sie in grotesken Froschsprüngen einfach wegtragen. Oder die Tänzerinnen balgen sich wie junge Katzen, werden immer aggressiver und liegen am Ende doch wieder friedlich Kopf an Kopf, den Blick ängstlich nach oben gerichtet, wo aus den Lautsprechern ein Gewitter aufzieht.

In einer ebenfalls sehr eindrucksvollen Szene laufen die Protagonisten immer wieder nah aneinander vorbei, sodass sich ihre Hände streifen. Manchmal greift eine Hand zu und hält die andere fest. Oder auch nicht, wer kann das vorher wissen. Im Finale des ausdrucksstarken und tänzerisch virtuos umgesetzten Stücks wirbelt das gesamte Ensemble in einer komplexen Choreografie über die Bühne, während das Licht langsam erlischt. Obwohl hier jeder als Individuum agiert, ist er am Ende doch Bestandteil einer einzigen großen Ordnung. Lang anhaltender Applaus für eine großartige darstellerische und inszenatorische Leistung.

21.03.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Der Tod tanzt mit

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21.03.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Der Tod tanzt mit

Russisches Ensemble trotzt einer atomverseuchten Region

er Auftakt mutet fast romantisch an. Aber dann legen die Tänzer an Tempo zu. Akrobatische Einlagen und dezent angedeuteter Breakdance setzen raffinierte Kontrapunkte, bis das Ganze an eine komplizierte Maschine erinnert, deren Funktion man zwar nicht durchschaut, bei der aber alle Teile perfekt zusammenwirken. 
Zudem formiert sich das Ensemble ständig zu neuen Zweier- und Dreiergruppen, sodass man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. 
Welch eine Verschwendung, denkt man und lässt den Blick mit den Akteuren über die Bühne tanzen, um ja keines der zahlreichen Details zu verpassen.

Träume aus der Provinz

„The Other Side Of The River“, mit dem das Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre im Pumpenhaus gastierte, ist ein eindrucksvoll in Szene gesetztes Tanzstück über das Leben der Menschen in der sibirischen Provinz und über ihre Träume von einer besseren Welt. Olga Pona, die Gründerin der Gruppe, schaffte damit 2007 den internationalen Durchbruch.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Arbeiter einer Wäscherei, die sich auf eine fantastische Reise gen Westen begeben. Auf ihren Bügelbrettern sausen sie durch eine schillernde Popwelt, üben sich in dekadenten Salontänzen und geraten immer wieder an Mädchen, die es dann doch nicht so meinen. Dabei bezieht der Tanz auch Elemente des Slapsticks und der Pantomime ein, die nicht selten dazu dienen, die kunstvoll aufgebaute Stimmung ironisch zu brechen.
Chelyabinsk, die Heimat der Truppe, ist eine Millionenstadt am Ural, die es in sich hat. In der 150 km entfernten kerntechnischen Anlage Majak kam es 1957 zu einer Explosion, die mehr radioaktives Material freisetzte als der havarierte Reaktor in Tschernobyl. Wie es ist, unter solchen Bedingungen zu leben und zu arbeiten, beleuchtet der im Anschluss an den Tanz gezeigte Dokumentarfilm „Tankograd“ von Boris Bertram. Man sieht die Tänzer in ihren Wohnungen, beim Kochen, bei den Proben. Dazwischen gibt es Interviews mit einer Ärztin, die erhöhte Erkrankungsraten bei den Einwohnern feststellt. Um ihre Gesundheit sorgen sich auch Ponas Tänzer. Weggehen wollen sie aber trotzdem nicht. Denn hier ist der Tanz.

18.03.2011 – Isabell Steinböck / Westfälische Nachrichten: Tanz als Überlebensstrategie

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18.03.2011 – Isabell Steinböck für Westfälische Nachrichten
Tanz als Überlebensstrategie

Choreografie und Film aus Russland im Pumpenhaus thematisieren radioaktive Verseuchung

Körper, die sich kompromisslos in die Weite dehnen, athletischer Tanz: „The other side of the river“ ist eine sich rasant steigernde Choreografie, die ihre Tänzer virtuos und ausdrucksstark präsentiert. Olga Ponas „Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre“ aus dem Ural überzeugt durch ästhetischen Tanz, klare Linien, eine musikalische Choreografie und abwechslungsreiche Szenenwechsel. Es geht um die Jugend der 60-er Jahre im Spannungsfeld zwischen Kommunismus und globalem Kapitalismus.

Wer die durchtrainierten Tänzer auf der Bühne sieht, denkt kaum daran, dass sie aus einer der radioaktiv verseuchtesten Gegenden der Welt stammen. Dass das Tanzensemble derzeit durch Deutschland tourt, zudem noch mit Boris B. Bertrams preisgekrönter Dokumentation „Tankograd“, ist auf beklemmende Weise aktuell, ereignet sich in Japan doch gerade eine vielleicht noch verheerendere Atomkatastrophe als im Russland der 1950er Jahre. Mehrere Unfälle haben die Einwohner der Atomwaffen produzierenden Stadt zur Zeit des Kalten Krieges radioaktiv belastet; Bis heute wird in Chelyabinsk international Atommüll entsorgt. 

Wer Bertrams Film sieht, bekommt eine Vorstellung davon, wie sich das Leben auch in Japan verändern könnte: Heute kommen keine gesunden Babys mehr zur Welt; Tiere, Pflanzen, die gesamte Umwelt ist vergiftet. In Chelyabinsk dienten auch die Seen als Atommüll-Deponien – ohne dass die Bevölkerung davon wusste. 

Boris Bertram setzt den bedrohlichen Atomanlagen, die in eine von kahlen Birkenbäumen geprägte Landschaft ragen, die Schönheit der jungen Tänzer entgegen. Tanz dient als Überlebensstrategie, Kunst hilft bei der Verdrängung, wie anderen der Wodka.

Harte Arbeit gehört zum Alltag wie selbstverständlich dazu, die Menschen fügen sich in ihr Schicksal. Ein Tänzer glaubt noch an eine saubere Zukunft für seine Kinder, später einmal. Im Chelyabinsk gibt es jedoch keine Perspektive.

15.03.2011 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Am Ende stirbt die schöne Assistentin

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15.03.2011 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Am Ende stirbt die schöne Assistentin

Am Ende muss auch noch ein Mensch sterben: die schöne Assistentin Isabelle, die nichts verbrochen hat, außer die Gäste mit Wasser und Pumpernickel zu versorgen. Stark verdächtig macht sich außer Adam Riese auch Jean-Claude Séferian, der in der Rolle des Gärtners nicht nur im Verdacht steht, mit allem in die Kiste zu hüpfen, was bei drei nicht auf den Bäumen ist, sondern eben auch, diesen schrecklichen Mord begangen zu haben.

„Liebe auf Pump“ hieß die Telenovela, die Markus Paßlick(Leiter der Pumpernickel-Showband) noch am Tag zuvor verfasst hatte und das Ende der ersten „Adam RieseShow“ des Jahres markierte. Sie brachte alle Gäste zusammen: Gisa Pauly, die sich als Krimi- und Drehbuchautorin („Sturm der Liebe“) bestens mit Telenovelas auskennt; El Bosso alias Markus Seidenstricker, der mit „El Bosso und die Pingpongs“ nicht nur den deutschsprachigen Ska etablierte, sondern hauptsächlich als Theaterschauspieler sein Geld verdient; und schließlich Jean-Claude Séferian, Sänger, studierter Pianist und Meister klassischer Chansons, den man sich seit Sonntagabend auch gut in seichten Nachmittagssendungen vorstellen kann.

Es war eine gute Auflage der „Riese Show“, aber keine herausragende. Der Showmaster war wieder gut auf seine Gäste vorbereitet. Stellenweise war er aber zu sehr Stichwortgeber für seine Gäste. Dem eigenen Anspruch, sich – anders als die Wills und Kerners im Land – noch wirklich für sie zu interessieren, wurde Adam Riese nicht immer gerecht – zu viel Routine war im Spiel.

Nichtsdestotrotz konnten die Zuschauer viel erfahren, von Séferian, der in Beirut geboren wurde, in Nizza klassische Musik studierte, in Paris seine heutige Frau Christine kennenlernte, die mit ihm eigentlich nur ihren Ex-Freund eifersüchtig machen wollte und schließlich der Grund war, weshalb Séferian nach Münster kam. Im April feiert er sein 30-jähriges Bühnenjubiläum, und am liebsten knutscht er seine Frau während eines Auftritts – das verriet das erste Spiel.

Krimiautorin Pauly, geboren 1947 in Gronau, im Alter von zwei Jahren nach Münster gekommen, musste hingegen bei „Münster-Klick“ á la Dalli Dalli neben dem Friedenssaal noch den Zwinger, Leonard Lansink und die Skulptur „Toleranz durch Dialog“ erkennen und erzählen, wie sie („Es macht Spaß, zu morden.“) mit Kurzkrimis und Lovestorys das erste Geld verdiente, nachdem sie den Job der Berufsschullehrerin geschmissen hatte („Disziplinlosigkeit, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit“).

Zurückversetzt in die Schule muss sich auch El Bosso gefühlt haben, der aufsagen musste, was in der Show passiert war, wo Séferian seine Frau traf und wer in den Pauly-Krimis die Mörder überführt. Und zugeben musste, erfolglos an einem Wettbewerb für „Kit Kat“-Werbevideos teilgenommen – und eineDunstabzugshaube gespielt zu haben.

14.03.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Mülltüten bilden den finsteren Wald

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14.03.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Mülltüten bilden den finsteren Wald

Jennifer Ocampo Monsalve, ehemals Goldin-Tänzerin am Stadttheater, setzt sich in „Hidden Tracks“ mit dem Schicksal der französisch-kolumbianischen Politikerin Ingrid Betancourt auseinander, die sechs Jahre Gefangenschaft der FARC-Rebellen im Dschungel überstand. Wie Betancourt stammt auch das Ensemble aus Kolumbien – neben Jennifer Ocampo Monsalve, die im Pumpenhaus unter anderem bereits erfolgreich für „Cactus junges Theater“ choreografierte, Marcela Ruiz Quintero und Gabriel Galindez Cruz; Letzterer gehört zum Ensemble der renommierten Sasha Waltz in Berlin. Gemeinsam bringen sie ein Tanzstück auf die Bühne, das mit einfachen Mitteln als aussagekräftige Inszenierung überzeugt.

 
Erstaunlich, wie wandelbar schwarze Säcke sein können: In der ausdrucksstarken Choreografie wird das Behältnis zur Habseligkeit, zur schützenden Decke, aber auch zum Gefängnis oder – aufgerollt – zum Gewehr im Anschlag. Gummistiefel wecken Assoziationen an Schlamm und Matsch im Dschungel; fallen sie rhythmisch auf den Boden, wird daraus leicht ein Marsch. 

Die drei Tänzer stemmen sich gegeneinander, jagen einander über die Bühne, bis sie schließlich mit erstarrten Gliedern aus ihren schwarzen Gefängnissen befreit werden. Geradezu rührend, wie der Gepeinigte eine seiner beiden Leidensgenossinnen wieder zum Leben erweckt, wohingegen sich die andere ins Radiohören flüchtet wie ein Junkie. Marcela Ruiz Quintero spricht davon, wen sie in der Isolation vermisst, Jennifer Ocampo Monsalve dagegen scheint in ihrer Rolle über sich hinauszuwachsen, wenn sie mit umgedrehten Stiefeln in die entgegengesetzte Richtung läuft oder wie im Delirium durch die Luft gewirbelt wird. 

Am Ende des eindrucksvollen Tanztheaterstücks schütteln sie die Gummistiefel ab und nageln die alten Identitäten in Form ihrer Kleider an die Wand. Was bleibt, sind Körper, die sich über den Boden kriechend, langsam fortbewegen – beeindruckend stark und lebensfroh.

07.03.2011 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Sie wollen dem Durchschnitt entfliehen

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07.03.2011 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Sie wollen dem Durchschnitt entfliehen

Es ist ein Stück zwischen Albtraum und Wirklichkeit. Die Schauspielerinnen spannen immer mehr rote Fäden über die Bühne, von links nach rechts, von oben nach unten. Es sind die Fallstricke des Lebens, über die schon jeder einmal gestolpert ist, bilden aber auch ein enges Korsett, das den Jugendlichen die Luft abschnürt vor lauter Regeln und Pflichten, Erwartungen und Wünschen der Eltern, der Lehrer, der Gesellschaft insgesamt.

„Verspielt“, die Theater-AG der Marienschule, steht auf der Bühne im Pumpenhaus und übt Gesellschaftskritik. In „Dressing room no.zero“ geht es um Gleichmacherei und Schubladendenken. Um eine Gesellschaft, die Kinder und Jugendliche formt wie Einheitsgurken, möglichst passend auf die Bedingungen des Marktes. In der die Vielen so ziemlich die gleiche Mode tragen und die Wenigen, die sich dem Mainstream entziehen, als Freaks gelten. Und in der die Schule nicht mehr dazu da ist, eigenständige und selbstbewusste Persönlichkeiten zu entwickeln, sondern Definitionen einzutrichtern, die maschinengleich angewendet werden.

Albtraum oder Wirklichkeit? Keines von beidem und von jedem etwas. Denn Michelle Barthel, Anna Katharina Bitter, Valerie Brintrup, Rose Bürger und Eva Lange verstärken vorhandene Tendenzen, überspitzen sicherlich, liegen deshalb aber nicht daneben. Sie zeigen eine Welt aus immer mehr werdenden Konventionen, die kaum mehr Zeit dafür lässt, zu machen, was man wirklich will. Jugendliche, die zu ersticken drohen und in die Isolation fliehen, den Kopfhörer aufsetzen, die Musik laut anmachen und in ihre eigene Welt abtauchen.

„Dressing room no.zero“, das sind 40 Minuten komprimierter Frontalunterricht mit jeder Menge Interpretationsmöglichkeiten, eine „furiose Collage übers Anpassen und Ausbrechen“, wie es im Programmtext zu dem Stück heißt, das bereits bei den Jugendtheatertagen 2010 aufgeführt worden ist. Das Ausbrechen aus der tristen und durchreglementierten Wirklichkeit allerdings passiert in einer sehr träumerischen Sequenz, in der die Jugendlichen in Bottichen voller Götterspeise wühlen wie kleine Kinder und sich damit beschmeißen. 

Am Ende stehen Fragen, die sich jeder Jugendliche irgendwann stellen muss: „Ist es besser, sich der Menge anzupassen, oder sollte man sich selber treu bleiben? Was ist, wenn der Weg, den man eingeschlagen hat, der falsche ist?“ Die Antworten darauf muss allerdings jeder selber finden, ganz individuell.

02.03.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Wenn „Black Swans“ schluchzen

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02.03.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Wenn „Black Swans“ schluchzen

Sie tanzen, sie kreischen, sie träumen. Sie lesen mit naiv-kindlicher Stimme aus ihrem Tagebuch. Sie marschieren sogar im Stechschritt, als riefe sie jener Kasernen-Appell, der ihnen als Mädchen doch erspart bleibt. Aber Gruppenzwang und Zucht und Enge, die kennen sie eben doch. 
Und dann schlagen alle Acht plötzlich mit den Flügeln, als wäre die karge Bühne der Schwanensee. Eine dehnt und reckt sich klagend wie eine russische Ballett-Elevin. Die schwarzen Kostüme mit dem Federkragen sprechen für sich – jede ein „Black Swan“, dem im Laufe des Stückes mindestens ein Flügel gebrochen wird (die Assoziation mit der frisch gebackenen Oscar-Preisträgerin Natalie Portman war an diesem Abend unvermeidlich).

„Glas“ heißt das Jugendstück, das von er Produktion „kunst.stoff“ und „Hartmann & Konsorten“ auf die Bretter des Pumpenhauses gebracht und am Sonntag jubelnd aufgenommen wurde. Von Johannes Fundermann und Pitt Hartmann inszeniert und choreographiert, zogen die acht Darstellerinnen das volle Haus in ihre Erlebniswelt. Zwischen Mädchenträumen und dem Ernst des Erwachsenwerdens spielten sich deftige, witzige und oft auch traurige Episoden ab. Die stammten alle von den Akteurinnen selbst, aus ihren Tagebüchern und Erinnerungen. Nicht direkt neu oder überraschend, doch mit viel Herz und Power in symbolgeladene Szenen verpackt.

Und wovon träumen diese Girls? Zum Beispiel von Prinz Porno, der im Märchenschloss für Aufruhr sorgt, und der der schlafenden Prinzessin nur unters Röckchen will. Wencke Myhre riet einst ihren Schwestern: „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“ – doch diese kessen Evas lassen keinen am Baum vertrocknen. Und eine humorige „Schmink-Pantomime“ zaubern sie auch vor den Spiegel. Lacher garantiert.

Doch meist siegt die Düsternis, die über der Bühne liegt und sich auch in der suggestiven Musik verströmt. Wenn die erste Liebe zerbricht, die Eltern sich trennen, den Patchwork-Familien das Geld ausgeht, wird das Schluchzen immer lauter. Auch sexuelle Gewalt wird krass auf die Bühne gebracht. „Wenn ich ein Vöglein wär´“ singen sie ironisch im Chor: Malina Brinkmann, Hannah Frese, Lea Hoffmann, Nele Koops, Viktoria Mletzko, Caroline Süren, Milena Weber und Nadja Wiedner. 

Bevor es ein schöner Schwan werden kann, muss sich das Küken aus dem Ei kämpfen. Und das tut weh.