18.04.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Helden sind gelb

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18.04.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Helden sind gelb

Theater: Die Farbenlehre Bollywoods im Pumpenhaus

Sieben Kleiderhaufen liegen auf der Bühne des Pumpenhauses, alle fein säuberlich nach Farbe sortiert. Das ist wichtig, weil jede Farbe im Kosmos des Bollywood-Films für ein bestimmtes Gefühl steht.

Grün ist die Liebe, weiß die Komik, gelb das Heldentum, rot die Wut, blau der Ekel, grau der Kummer und schwarz die Angst. Mit dieser Vielfalt an Gefühlen lässt sich durchaus ein Film bestreiten. Und ein Theaterstück auch. Aber irgendwann im Lauf des Abends werden die Kleiderhaufen wild durcheinander geworfen, sodass ein einziger bunter Haufen entsteht und damit ein Kuddelmuddel an Gefühlen. Das ist dann das Leben.
Und genau darum geht in “Hajusom in Bollyland” – um die Konfrontation des Kinos mit dem Leben. Insbesondere mit dem Leben der 20 Flüchtlinge und Migranten aus Hamburg, die das Stück mit den Regisseurinnen Ella Huck und Dorothea Reinicke entwickelt haben. Sie bauen nicht nur ihre eigenen Geschichten in das Film-Set ein, sondern auch Tanz und Gesang. So kann es passieren, dass sich die farbigen Gefühlswelten des Kinos plötzlich mit Hip-Hop und Szenen aus der Einwanderungsbehörde konfrontiert sehen. Parallel dazu wird in Form von Playback-Theater die Funktionsweise von Bollywood-Filmen demonstriert. Das ist wunderschön und gleichzeitig umwerfend komisch, weil die Darsteller sich so richtig in ihr Spiel hineinlegen.

Tatkräftige Kerle

Man sollte das Geschehen auf der Bühne nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen verfolgen, rät eines der Mädchen. Und weil die Truppe ihre Sache so gut macht, funktioniert das auch. Etwa wenn tatkräftige Kerle zarte Mädchen aus brennenden Häusern retten oder wenn zwei Liebende nach vielem Hin und Her doch noch zusammen kommen.
Die Lebenswirklichkeit der Darsteller nimmt sich dagegen weniger prächtig aus. Wahrscheinlich weil sie real ist. Die öde Fließbandarbeit in der Fabrik, die Wut, weil man als Ausländer nicht akzeptiert wird, oder die ständige Angst, abgeschoben zu werden. Aber all dies wird hier eher sachlich abgehandelt. Dadurch entsteht ein wirksamer Kontrapunkt zum Bollywood-Pathos, der die Inszenierung umso sehenswerter macht.

17.04.2011 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Staunen bis zur Metamorphose

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17.04.2011 – Gerold Marius Glajch für die Westfälischen Nachrichten
Staunen bis zur Metamorphose

In den Stücken von „Hajusom“ wird aus dem negativ besetzten „Kulturclash“ eine Entdeckungsreise ins Wunderland fremder Kulturen. Und so wirken junge Tänzerinnen aus Westafrika in indischen Kostümen auch weniger exotisch als vermutet. „Hajusom in Bollyland“ ist die zweite Musiktheaterproduktion des Projekts aus Hamburg. Seit elf Jahren erarbeiten Künstler aus allen Bereichen mit jungen Flüchtlingen und Migranten neue Formen von Performance. Nach der Uraufführung im Januar in der Hamburger Kulturfabrik „Kamp­nagel“ beschenkte die Gruppe am Samstag ihren Koproduktionspartner, das Theater im Pumpenhaus, mit einer lautstark umjubelten Premiere in Münster. 

Sie kommen aus Afghanistan, Vietnam und Westafrika. „Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“ heißen sie offiziell, klärt Dorothea Reinicke im Gespräch auf. Zusammen mit Ella Huck ist sie verantwortlich für Regie und Konzept. Nach einer rasanten anderthalbstündigen Collage aus Tanztheater und Schauspiel hatten die neunzehn jungen Menschen noch Nerv und Puste, sich den Fragen der Zuschauer zu stellen. Der Jüngste der Gruppe ist zwölf Jahre alt, der Älteste ist 29. Da wirkte die Äußerung einer Darstellerin über ihre Integration in dieser „Regenbogenfamilie“ wie eine prosaische Demonstration für Völkerverständigung. Das war zuvor bereits die gesamte Aufführung. Die indische Choreographin Varsha Thakur erklärte die Essenz (Rasa = Saft) der klassischen indischen Ästhetik. Diese beinhaltet acht Grundstimmungen, die mit Farben (der Kostüme) symbolisiert werden: Wut (rot), Ekel (blau), Angst (schwarz), Heldentum (gold), Kummer (grau), Komik (weiß), Liebe (grün) und Staunen (gelb). Lebendig wurden diese Gefühlswelten durch ironische Persiflagen auf das übertriebene Pathos von Bollywood-Filmen, die sich abwechselten mit realistischen Szenen aus dem Leben der Jugendlichen. Geschichten über erste Liebe und dörfliche Idylle, aus der sie vertrieben wurden durch Kriege und Katastrophen. Misstrauen und Bürokratie waren oft die ersten Erfahrungen im Zufluchtsland, aber: „Ich lache überall“, sagte Ousmane im Teil über „Komik“, und Mariama ergänzte: „Ja, ich lache auch in der Ausländerbehörde.“ Musikalisch wurde das Stück aufgewertet durch die live eingespielten elektronischen Beats und Sounds von Viktor Marek, zu denen Ashraf Sharif Khan die Sitar spielte.

15.04.2011 – Martin Schlak / Westfälischen Nachrichten: Wo Lebenskonstanten wackeln

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15.04.2011 – Martin Schlak für die Westfälischen Nachrichten
Wo Lebenskonstanten wackeln

Marie Brassards Auftritt im Pumpenhaus entpuppt sich als gewöhnungsbedürftig und schrill

Ein umgeworfenes Mikrofon-Stativ, Gitarre und Synthesizer. Sie werfen Schatten auf die Leinwand. Dann ist darauf noch der dunkle Umriss einer Frau zu erkennen. Aber auf der Bühne steht niemand. „Existiere ich eigentlich?“, fragt sich Marie Brassard zu Beginn des englischen Stücks „Me talking to Myself in the future“ („Ich rede mit mir in der Zukunft“) – und tritt auf die Bühne.

In ihrer experimentellen Vorstellung, jüngst zu sehen im Theater im Pumpenhaus, geht die kanadische Performerin auf die Suche nach sich selbst. Sie erzählt verschiedene Sequenzen ihres Lebens, ganz entscheidend getragen von einem elektronisch verzerrten Klangbett und einer permanent laufenden 16-Millimeter-Projektion. Heraus kommt eine gewöhnungsbedürftige, schrille Montage. Die erwachsene Darstellerin begegnet in ihren Gedanken ihrem jugendlichen Ich wieder. Und der sterbenden alten Frau, die sie einmal sein wird. Was ist Zeit, was Einbildung, was Wirklichkeit? Brassard lässt die Grundkonstanten des Lebens ein wenig wackeln. Mehr aber auch nicht.

Früher, erinnert sich die Protagonistin, war das Leben noch so sorgenfrei. Abende am Fluss unter dem Sternenhimmel, Tanzen in der Disko: „Die Musik ließ uns verreisen, jedes Lied in ein anderes Land.“ 

Die Ängste kamen später, der Tod wurde zum Thema: „Ich bin in einem leeren Raum, und dort ist dieser Mann – er will mir Morphium spritzen.“ 

Ist es ein Traum oder ein Blick in die Zukunft? Die Zeitebenen verschwimmen – immer wieder tritt der rätselhafte Mann auf, treffend widergespiegelt in Bild und Ton. Wellen werden projiziert. Sie laufen auseinander, machen Platz für ein schwarzes Loch. Brassard sinkt zu Boden, ihre Stimme bekommt ein Echo. Es droht, dass sie den Kontakt mit der Welt verliert.

Dennoch: Immer wieder gelingt es der Darstellerin auch, die Vorstellungskraft positiv zu nutzen, um sich aus den Abgründen zu befreien. Schließlich stellt sie die Frage nach dem Dasein ganz neu: „Wenn ich etwas erfinde, mir etwas ausdenke, existiert das dann?“ Stimme aus dem Off: „Ja, das existiert dann.“ Aber wer spricht da? Ganz überzeugend klingt es nicht.

11.04.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Küchengeräte beginnen zu singen

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11.04.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Küchengeräte beginnen zu singen

Konzert: “Schwarzer Peter” im Pumpenhaus

Gemeinhin kennt man den Schweizer als einen seriösen Menschen, der sich gut mit Geld auskennt und seine Berge sauber hält. Aber manchmal kriegt er als Kind einen Elektrobaukasten geschenkt. Und wenn er dann auch noch musikalisch ist, kann es passieren, dass so was rauskommt wie die Compagnie Drift. Die drei Herren der Züricher Formation setzen den Dadaismus unter Strom und führen ihn dann in Musik über. Am Wochenede waren sie mit ihrem Konzert “Schwarzer Peter”, das den Untertitel “Kein Konzert” trägt, in Münsters Pumpenhaus zu Gast.

Mit elektronischen Steuerpulten und geschätzten 500 Meter Kabel auf der Bühne erinnert der Auftritt an die Düsseldorfer Band Kraftwerk. Nur das hier noch allerlei andere Konstruktionen dazukommen, die an die kinetischen Plastiken ihres Landmannes Jean Tinguely denken lassen. Bohrmaschinen wurden dabei verbaut, Gewindestangen, Lautsprecher und diverses Küchengerät. Wie von Geisterhand bewegt geben sie allerlei fremdartige Töne von sich. Sogar einen alten Hoover-Staubsauger hat man aktiviert, der mit seinem Gebläse für satten Sound sorgt.

Keine Frage , die Herren basteln gern. Aber sie können auch gut singen. Egal ob sie mit Kopfstimme Madrigale anstimmen, französische Chansons ins Mikrofon hauchen oder moderne Popsongs exekutieren, immer entsteht eine zwar eigenartige, aber stimmige Einheit aus Gesang und elektronischen Klängen. Und weil die Compagnie Drift ursprünglich vom Tanz kommt, findet auf der Bühne auch einiges an Bewegung statt. Dass sich die Musiker wie die Figuren einer altertümlichen Spieluhr um die eigene Achse drehen, gehört ebenso zum künstlerischen Konzept wie das erzeugen von Tönen mithilfe von Mikrofonen, die am Körper der Protagonisten angebracht sind.

Das klingt nach Quatsch machen. Doch damit täte man der Truppe unrecht. Denn ihre aus dem Geist des Dadaismus geborene Darbietung reicht mitunter an den künstlerischen Anspruch Neuer Musik heran. Und ähnlich wie diese zog sie leider auch nur wenig Publikum.

10.04.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Bohrer tanzen, Becher musizieren

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10.04.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Bohrer tanzen, Becher musizieren

Der ferngesteuerte Bohrer zeigt ein Solo: Auf seinen metallenen Standbeinen schiebt er sich von der Bühnenseite zaghaft Richtung Mitte und lässt sein typisches Bohrgeräusch ertönen, bevor ihn die langen Fahrgestelle in die Horizontale fallen lassen. Eine federnde Spirale, an der Rückseite des Geräts montiert, lässt die Konstruktion sanft „landen“. Ein umgebauter Rasensprenger sowie ein „trommelnder“ Bohrer stimmen ein in dieses kuriose Konzert aus Geräuschen, die man allzu gut aus dem Alltag kennt, jedoch nie auf einer Bühne vermuten würde. 

Absurd, witzig und fantastisch kreativ ist die Performance der Züricher „Compagnie Drift“. Eigentlich sind die drei Tänzer, aber irgendwann fand ihre computergenerierte Musik eine solche Beachtung, dass sie auch Musikstücke kreierten. Im Pumpenhaus haben Massimo Bertinelli, François Gendre und Peter Schelling mit „Schwarzer Peter“ ausdrücklich „kein Konzert“ gespielt. Das ist erstaunlich, schließlich wirkt es sehr musikalisch, wenn sie in schwarzen Anzügen und mit stoischen Mienen vor ihren Computern stehen, hier eine Taste drücken, dort ins Mikrofon pfeifen, hauchen oder die schönsten englischen Lieder singen – im Countertenor, zu den wohlkomponierten Klängen einer Ukulele. Gesungen wird im Stehen, kerzengerade wie eine Puppe, und auf einer Drehscheibe, präsentiert wie eine Spieldosenfigur. Das musikalische Spektrum reicht von Sounds à la Kraftwerk, tänzerisch begleitet von Figuren, die an Science Fiction erinnern, bis hin zu mittelalterlich anmutenden Liedern.

Die eigenwilligen Musikinstrumente sind mit Liebe zum Detail konstruierte kleine Roboter, die die drei Einfallspinsel aus Türklingeln, Schellen, Plastikbechern, Glühbirnen und leuchtenden Lautsprechern in Feinarbeit zusammengebastelt haben. Ohne Mikrofone ginge nichts; in allen Formen und Größen sind die Geräte mit den Performern verbunden, mal auf den Rücken geklebt, mal unter den Füßen befestigt, auf die Bäuche gelegt oder sogar in die Unterhose geschoben, lassen sich damit die unterschiedlichsten Rhythmen zu Gehör bringen. Die Compagnie hüpft, springt, gestikuliert, bewegt sich wie Automaten. Bis zum Schluss bleibt es spannend, welches kuriose Musikinstrument die drei jetzt wieder „aus dem Hut zaubern“; ein Jammer nur, dass die Vorstellung so außergewöhnlich schlecht besucht war.

07.04.2011 – Dieter Stoll / Abendzeitung München: Glück im Dämmerzustand

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07.04.2011 – Dieter Stoll für die Abendzeitung München
Glück im Dämmerzustand

NÜRNBERG Das Frühstück aus der Schnabeltasse, so erinnert sich eine ehemalige Patientin, war knapp vor der Schwelle zum Tod das Größte für sie. Das passt zu diesem zweiten Stück des „Theater Operation“, mit dem der praktizierende Arzt Tugsal Mogul die real existierende Medizin auf die Bühne holt.

Keine Wartezimmer-Soap für die Pharma-Industrie, kein Marketing für liberale Gesundheitspolitiker, nicht mal Therapiesitzung zum Draufzahlen. Mit „SOMNIA – auf der Intensivstation“ führt der Regie führende Anästhesist aus Münster nach seinem vorjährigen Spiegel-Blick auf „Halbstarke Halbgötter“ in eine unerforschte Parallelwelt verkabelter Patienten. Dabei spielt er keineswegs das Lied vom Tod, sondern findet seine Philosophie in Nana Mouskouris „Guten Morgen, Sonnenschein“. Hier klingt der eingespielte Refrain wie eine strenge Anordnung: „Nein, du darfst nicht traurig sein.“
Das Schnaufen und Seufzen der vier Intensiv-Patienten, die auf Kipp-Betten im Spalier auf ihre ungewisse Zukunft und eine pflegende Hand warten, wird durch die Piepser der Computer illustriert. Klingen sie wirklich so oder hat sich da die Hörgewohnheit der unendlich vielen TV-Krankenhausserien zwischen Prof. Brinkmann und Dr. House drübergelegt?

Ehe man es denken kann, ist es auf der Bühne schon gesagt. Dort werden vier Personen im Dämmerzustand, der sich oft zur medikamentös ausgebremsten Aggressivität und manchmal zu irrationalen Glücks-Momenten lichtet, mit den originalen Schauspieler-Namen behandelt. Patient Stefan Otteni etwa findet ausgerechnet im hilflosesten Augenblick die Hoffnung wieder.

Entspannter Umgang mit einem Tabu-Thema
Während ihn die chronisch tüchtige polnische Schwester die Windel wechselt (Agnieszka Barczyk im Einsatz gegen das Schlimmste), denkt er laut nach über den nächsten Heiratsantrag an seine eheunwillige Freundin. Der andere Mann antwortet auf Test-Fragen nach Tag und Jahr mit einem trotzigen „Ich bin doch nicht senil“, und einer berichtet von traumatischer Erfahrung mit „neuen Schmerzen, die eine Art Melodie haben“. Es wird sicher keine fürs Mouskouri-Repertoire gewesen sein.

Tugsal Mogul setzt mit etwas Doku-Film und Musik-Überflutung die passend knappen Akzente der sehenswerten Aufführung. Er schafft das Kunststück, ein eher von Trübsinn umwölktes Thema in der Schwebe einer verblüffenden Leichtigkeit zu halten – es bleibt immer der entspannte Umgang mit einem Tabu-Thema. Witz und Würde passen da gut zusammen.

Das Ensemble (Bettina Lamprecht, Carmen Dalfogo und Dietmar Pröll sind noch dabei) spielt auch das Groteske ohne Pathos-Schaumschlag. Und Stefan Otteni, der Regie-Dauergast am Schauspielhaus, kann für seine dort bereits begonnenen Proben zur Shakespeare-Komödie „Was ihr wollt“ den Humor auf Haltbarkeit testen. Auf der Intensivstation spielt er um eine Pointe ringend den schlechtesten Witze-Erzähler, also einen echten Notfall auch im großen Welt-Theater.

06.04.2011 – Hans Gerholt / Westfälischen Nachrichten: Ewiges Wünschen und Sehnen

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06.04.2011 – Hans Gerholt für die Westfälischen Nachrichten
Ewiges Wünschen und Sehnen

Wer Anton Tschechows Bühnen-Klassiker „Drei Schwestern“ (1901) nicht kennt, wird mächtig irritiert sein. Da stürzen nach Szeneanweisungen, per Lautsprecher durchgesagt, Stimmen auf ihn ein. Ein Gewirr von Personen, die alle von einer Frau gesprochen werden. Vierzehn sind es, die Simin Soraya vom Bonner Fringe Ensemble mit Angabe des Namens vorstellt, spricht, spielt, deutet und in einem furiosen Solo als Ritt durch die Tschechow-Welt vermittelt. Als Solo, nicht als Monolog, lief ihre großartige Performance bei der Premiere im Pumpenhaus ab.

„… und doch haben die Birken noch nicht ausgeschlagen.“ Dieser typische Tschechow-Ton ist in den Dialogen der Schwestern Olga, Irina und Mascha präsent, wenn sie sich in der Provinz mit Langeweile, Kopfschmerzen, den Männern und ewigen Sehnsüchten und Wünschen herumschlagen, die es ihnen unmöglich machen, zum Traumziel Moskau aufzubrechen, wo alles besser sein muss. Eine dürstet nach Arbeit, aber als Telefonistin ist sie auch unzufrieden („Arbeit ist ohne Poesie“). Eine verpfändet das Haus wegen Spielschulden, eine sieht den Geliebten sterben, und im vierten Akt steht symbolisch in der Ferne ein Gut in Flammen.

Nicht nur wegen der famosen Gedächtnisleistung, mit der Simin Soraya von einem Charakter zum anderen gleitet, auch in der körperlichen Präsenz als ernste Olga, junge Irina und langsam durchdrehende Mascha leistet sie Vorzügliches. Sie ist von gähnender Leere durchdrungen, bringt frustrierte Sexualität im gymnastischen Akt auf der Sofa-Bank auf den Punkt, und lässt das Stück mit einer Prise Hoffnung enden. Sie wirbelt über den Bühnenboden, der wie eine leicht ansteigende Treppe wirkt (Bühnenbild Eduardo Serú), greift – unter der Regie von Frank Heuel und zur Musikcollage von Georg Schwellenbach – zum Mikro und konfrontiert, mit Abendkleidern unter der Pelzjacke (Kostüme: Annika Ley), das Publikum.

Interessant sind die auf Stellwände projizierten Namen der Personen, die die Video-Kamera (Levy) ins Buchstaben-Chaos überführt und die gefangenen Schwestern meint. Die wunderbare Simin Soraya, ab 2011/12 festes Mitglied im Düsseldorfer Schauspielhaus, ist zweifelsohne eine Schauspielerin mit Zukunft. Ihre Leistung bei der Münster-Premiere hätte ganz sicher ein größeres Publikum verdient gehabt.

04.04.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Suche nach Bedeutung

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04.04.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Suche nach Bedeutung

Tanz: “HeroNeroZero” im Pumpenhaus

Die Bewegungen mit denen sich Lisbeth Gruwez und ihr Partner Rob Fordeyn aus dem Dunkel herauskämpfen, muten fernöstlich an. Zwei Samurai, die ihr Morgentraining absolvieren, um dann irgendeinen Bedrängten aus der Patsche zu hauen. Eine andere Assoziation wäre Tai Chi, bei dem jemand die Zeitlupe ausgechaltet hat.
Auf jeden Fall wirkt es fremd, geheimnisvoll und hochdiszipliniert, was die belgische Gruppe Voetvolk mit ihrem Tanzstück “HeroNeroZero” am Wochenende im Pumpenhaus als deutsche Erstaufführung präsentierte.
Gruwez kennt man in Münster schon. Zuletzt war sie vor einem Jahr bein Statements-Festival mit “Birth of Prey” da, einer ebenso hermetisch wie archaisch anmutenden Choreografie über die Wechselwirkung zwischen Jäger und Beutetier. Leicht wird es dem Zuschauer auch im neuen Stück nicht gemacht, zumindest dann nicht, wenn er unmittelbar verstehen will, was er zu hören und zu sehen bekommt. Es gehe um das Streben nach Erfolg, die Suche nach Bedeutung im Leben, um Selbstbestätigung und um die Angst, in der Vergessenheit zu verschwinden, verrät der Programmzettel.
So weit, so gut. In “HeroNero Zero” spielt dabei Holz eine Rolle, das in dicken Bohlen am hinteren Bühnenrand liegt und von Maarten Van Cauwenberghe, der auch als Musiker fungiert, nach und nach zu einer Art Labyrinth angeordnet wird. Einige der Bohlen stellt er auf die schmale Stirnseite, dass sie wie Steelen in den Himmel ragen und jeden Augenblick umstürzen können. An andere klammern sich die Gruwez und Fordeyn wie an einen rettenden Strohhalm, bevor er ihnen weggezogen wird und sie im Nichts versinken.
Später schlägt die Stimmung in die eines Splatter-Movies um, wenn Gruwez an der Rampe steht und Grimassen zieht, gegen die jeder Zombie als Sonnyboy durchgeht. Ausgang aus diesem Grauen bietet David Bowie, dessen Hymne auf die “Helden für einen Tag” die Protagonisten intonieren, während sie sich aus einem Zweikampf in eine liebevolle Umarmung hinein winden.

02.04.2011 – Petra Noppeney / Westfälischen Nachrichten: Verliebte Jungs, versteckte Mädchen

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02.04.2011 – Petra Noppeney für die Westfälischen Nachrichten
Verliebte Jungs, versteckte Mädchen

Paradeiser Productions inszenierte “The Virgin Suicides” als spannendes Tanz-und Theaterstück

Paul ist der einzige, der schon mal im Haus war. Durch einen unterirdischen Tunnel hatte er sich reingeschlichen. Mit „Badezimmer-Fantasien“ über die abgeschirmten Lisbon-Mädchen war er zu seinen pubertierenden Freunden zurückgekehrt. Und dann das: Die Jungs werden offiziell eingeladen – und erleben eine Überraschung: die Mädchen, in ihren Träumen längst zu einem Objekt der Begierde verschmolzen, sind doch tatsächlich „fünf unterschiedliche Menschen“.

Das Spiel mit den Zahlen hält Regisseurin Ruth Schultz in der gelungenen Inszenierung von „The Virgin Suicides“ nach Jeffrey Eugenides´ Roman konsequent durch. In dem Stück, das jetzt im Pumpenhaus Münster-Premiere hatte, lässt sie die fünf Tänzerinnen mal die fünf Mädchen verkörpern, mal tanzen alle eine Figur. Und weil die Mädchen, die Faltenröcke und pinke Kniestrümpfe tragen, 75 Minuten lang stumm bleiben, hat Schultz Bewegungen kreiert, die die Gefühle klar transportieren.

Reden müssen im Stück von Paradeiser Productions aus Münster die verliebten Jungs. Auch sie wechseln die Rollen, sind mal die vier forschen Buben, mal die farblosen Eltern der Mädchen. In jedem Fall sind sie gut informiert über das, was im prüden Fünf-Mädel-Haus in der US-Provinz in jenem Jahr passiert, als sich erst Cecilia umbringt und später ihre Schwestern folgen.

Die Tragik könnte erdrücken. Doch Schultz´ Diplom-Inszenierung hat viel Ironie und sprachliche Wucht. Nur zum Ende hin, wenn sich des Dramas letzter Akt ankündigt, wird sie bleiern.

Dass das Stück dennoch die Spannung hält, liegt am Unausgesprochenen. Die Jungs zitieren, 30 Jahre danach, noch immer Aussagen und Beweisnummern. Aber was gilt es eigentlich zu beweisen? Die eigene Unschuld vermutlich angesichts drückender Schuldgefühle, die sich in Sätzen wie „Mit den Tränen sind wir glücklicher als mit Frauen“ manifestieren. Woher sie all ihre Kenntnisse haben, bleibt nebulös.

Die bilderstarke Inszenierung kommt mit wenigen Requisiten aus. Lampen, die die Jugendzimmer der Mädchen, die durchaus Verbotenes tun, andeuten, und die transportablen Radiogeräte fügen sich mit Kai Niggemanns Musik, die von Radio-Fetzen bis zum Schwof-Chanson reicht, zu einem stimmigen Gesamteindruck. Freundlicher Applaus dafür – und für die gute Ensembleleistung.

02.04.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Virgin Suicides: Rätsel um die fünf stummen Töchter

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02.04.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Virgin Suicides: Rätsel um die fünf stummen Töchter

Die Lisbon-Mädchen sind fünf Schwestern, aus der Ferne „funkelnd schön“, aus der Nähe sogar mit Individualität begabt. Aber nah kommen ihnen die vier Jungs, die sie einen Sommer lang beobachten, nur zweimal.

Einmal bei einer streng beaufsichtigten Party und einmal bei einem Schulfest mit ungutem Ausgang. Denn die Mädchen stehen unter der permanenten Aufsicht ihrer Eltern, die sie vor der Außenwelt förmlich abschirmen. Das mag der Grund sein, warum sie sich umbringen. Zumindest legt die Rekonstruktion des Falles eine solche Erklärung nahe. Aber wer kann schon hineinschauen in eine Teenagerseele.

Paradeiser Productions hat den Roman „The Virgin Suicides“ des amerikanischen Autors Jeffrey Eugenides für die Bühne bearbeitet und im Pumpenhaus in Münster aufgeführt. Unter der Regie von Ruth Schultz agieren vier Schauspieler und fünf Tänzerinnen.

Schönheit und Fremdheit

Die Jungs erzählen dem Publikum, wie sie sich von der Schönheit und Fremdheit der Schwestern angezogen fühlen, wie sie Hinweisen und Gerüchten nachgehen, um ihnen näher zu kommen. Jedes noch so kleine Ereignis wird zu einem Indiz, um das Unerklärliche zu erklären, und führt am Ende doch nur zu der ernüchternden Erkenntnis, dass sie die Mädchen nie verstanden haben.

Die Schwestern selbst bleiben stumm. Sie treten für die Jungs und für das Publikum nur in vagen, auf sich selbst bezogenen Tanzbewegungen in Erscheinung. Das entspricht der Erzählweise des Romans, bei dem der Leser alles nur aus der Perspektive eines Erzählers wahrnimmt, der die Ereignisse zu rekonstruieren und durch akribisch durchnummerierte „Beweisstücke“ zu belegen versucht. Gleichzeitig bilden die im Unkonkreten verhafteten Tänzerinnen einen Kontrapunkt zum betont sachlichen, quasi dokumentarischen Spiel der männlichen Darsteller.

Rauschen und Klackern

Die ohnehin schon dichte Atmosphäre, die aus dem Zusammenwirken von Text und Tanz entsteht, wird durch die Klangkollagen von Kai Niggemann noch verstärkt. Der Ohrpilot-Musiker geht hier eher minimalistisch vor, wenn er das Geschehen durch leicht anschwellendes Rauschen oder gleichförmiges Klackern illustriert. Andererseits kann er die Musik aber auch explodieren lassen, wenn es die Situation erfordert. Eine gelungene Inszenierung.