17.09.2010 – David Ari Nadkarni / Westfälischen Nachrichten: Klares Statement zu „Statements“

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17.09.2010 – David Ari Nadkarni für die Westfälischen Nachrichten
Klares Statement zu „Statements“

„Der Vulkanausbruch auf Island im Frühjahr hat uns viel Geld und beinahe mehrere Auftritte gekostet“, erinnert sich Ludger Schnieder, Intendant des Theaters im Pumpenhaus. Manche Künstler konnten nicht abreisen, andere saßen am Flughafen fest und hofften auf einen Flieger nach Deutschland.

Eine Künstlerin habe sogar ein Taxi aus Portugal genommen, um es rechtzeitig nach Münster zu schaffen. Immerhin: Keine der Aufführungen des Festivals „Statements“, mit dem das Theater im Pumpenhaus sein 25-Jähriges feierte, wurde abgesagt.

 

Schnieders Rückblick auf das Festival beginnt allerdings mit einer kleinen „Katastrophe“: Am 17. April, als das „Birdwatcher Breakfast“ das Festival eröffnen sollte, brach eine Stunde vor Beginn der Transporter zusammen, der das Frühstück in die Rieselfelder schaffen sollte. Ohne die Hilfe eines zufällig vorbeifahrenden Transportfahrers wäre der erste Programmpunkt des Festivals wohl ins Wasser gefallen.

Immerhin 241 Künstler aus 14 Ländern waren an den 73 Festival-Veranstaltungen beteiligt. Zu sehen waren bis Mitte Juni Gruppen aus Münster wie RedArt, Titanick oder Cactus Junges Theater, aber auch Produktionen aus New York und Tokyo. Bei der Auswahl der Gastspiele schaute das Pumpenhaus, so Schnieder, nicht auf Genres, sondern auf Qualität. Dadurch waren unter den 15.000 Zuschauern auch Neulinge, die das Pumpenhaus sonst eher nicht erreicht, wie Schnieder erklärte.

Im Juni 2009 hatte der Theaterleiter nach eigenen Worten das Festival aus Geldmangel schon für sich abgeschrieben, aber die fehlenden 60.000 Euro vom Land NRW wurden dem Projekt schließlich doch noch zugesprochen – eine Woche vor Weihnachten. Für die Planung der viel gelobten Veranstaltungsreihe blieben somit keine vier Monate.

„,Statements ist ein Festival, das die Messlatte sehr hoch setzt“, sagte Schnieder mit Blick auf die Qualität und Intensität des Gebotenen. „Das ,Kulturgebiet Münster 2010 hat dagegen den Sexappeal einer aufgeblasenen Exceltabelle“, lautet Schnieders Seitenhieb auf andere Festivals dieser Größenordnung.

Ob ein Tanz- und Theaterprojekt wie „Statements“ in absehbarer Zeit wiederholt werden kann? „Nein“, sagt Schnieder. Denn durch Regelmäßigkeit gehe das Spezielle verloren.

 

17.09.2010 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Gefesselt von der Großstadt

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17.09.2010 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Gefesselt von der Großstadt

Hip-Hop hat viele Gesichter. Und es werden immer mehr, seit sich diese auf der Straße geborene Subkultur in Richtung Tanztheater bewegt. Ein Protagonist dieser Entwicklung ist der japanische Tänzer, DJ und Bühnenautor „Kentaro!!“, der seinen Namen mit zwei Ausrufezeichen schreibt. Von Helmut Jasny

Möglicherweise um anzudeuten, dass hier jemand am Start ist, mit dem man rechnen muss. Und da hat er nicht ganz Unrecht. Zur Eröffnung der neuen Spielzeit stellte er im Pumpenhaus sein aktuelles Stück vor.

Flirt beim Umkleiden

Es trägt den etwas sperrigen Titel „From far away, the one in the world“ und erweist sich als ein hochdynamisches Solo. Alt und neu, Würde und Kitsch, Ost und West verbinden sich ironisch miteinander. Das zeigt sich beispielsweise in einem Breakdance zu einer amerikanischen Liebesschnulze, die von harten Bassrhythmen förmlich zerhackt wird. Nach einer kurzen Umkleidepause, in der er mit dem Publikum flirtet, absolviert er einen romantisch anmutenden japanischen Gesang als eine Art Dauerlauf und zappelt auch dann noch hektisch über die Bühne, wenn der letzte Ton längst verklungen ist.

Tokyo Story
Als zweite Europapremiere stand die „Tokyo Story“ des japanischen Choreografen Kakuya Ohashi auf dem Programm. Das Stück bezieht sich auf den gleichnamigen Film von Yasujiro Ozu und setzt fünf Menschen dem Moloch Großstadt aus. Eine Tänzerin wird auf die Bühne getragen, eine andere hereingeschleift. Dann hängen sie auf ihren Stühlen oder taumeln wie angeschlagen durch den Raum. Ab und zu hebt jemand die Hände schützend über den Kopf und blickt besorgt nach oben – alles bei kalter Neonbeleuchtung und an- und abschwellendem Verkehrslärm aus den Lautsprechern.

Orientierungslosigkeit
Was hier auf eindrucksvolle Weise demonstriert wird, ist die Orientierungslosigkeit in einer sich wandelnden Welt, in der das Vertraute allmählich schwindet und das Neue sich als fremd und furchteinflößend erweist. Einmal reißt Klavierspiel die Tänzer kurz aus ihrer Lethargie. Sie springen auf, rennen herum, aber beziehungslose, ohne Kontakt zueinander. Jede Bewegung bleibt Fragment. Es gibt nichts, was sie der Allmacht der Metropole entgegenzusetzen hätten. Am Ende rennt einer wie aufgezogen auf der Stelle. Den anderen ist es egal, sie gehen hinaus. Also nimmt er seine Decke und geht auch. Helmut Jasny

 

17.09.2010 – Petra Noppeney: Noch wird gebaut im Pumpenhaus

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17.09.2010 – Petra Noppeney
Noch wird gebaut im Pumpenhaus

Den Start in die neue Spielzeit hat das Theater im Pumpenhaus mit der ersten Tanz-Premiere bereits hingelegt. Und dies, obwohl im Haus an der Gartenstraße zurzeit noch kräftig gebaut wird. 220 000 Euro aus dem Konjunkturpaket II des Bundes verhelfen dem freien Theater nicht nur zu einem neuen, größeren Foyer, sondern auch zu einer dringend benötigten neuen Lagerhalle.

Letztere, so schilderte Ludger Schnieder gestern beim Rundgang durchs Haus, ersetzt die vier betagten, rostigen Hochsee-Container auf der Rückseite des Hauses, in denen bislang Requisiten einlagert wurden. Boden und tragende Wände für die neue, an die 50 Quadratmeter große Halle sind schon aus Beton gegossen. Eine Stahlkonstruktion an den noch offenen Seiten soll das Gebäude komplettieren.

 

„Mit dem Foyer sind wir etwa drei Wochen in Verzug“, so Schnieder. Ein Starkstromkabel, das aufwendig unter Putz gelegt werden musste, hat die Arbeiten am Außenraum an der Ostseite des Hauses, künftig bestehend aus einer modernen Glas-Stahl-Kons­truktion, verzögert. Das alte Foyer, laut Schnieder Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre gebaut, war seit langem sanierungsbedürftig, nachdem einst ein Auto in dem Anbau gelandet und die Konstruktion nachhaltig beschädigt worden war.

Erfolgreich beendet – der Starkregen unlängst hat´s bewiesen – ist inzwischen die ebenfalls aufwendige Trockenlegung der Fundamente an der Rückseite und Seitenfront des Pumpenhauses. Immer wieder war in der Vergangenheit Feuchtigkeit ins Haus eingedrungen. Nach beendeter großräumiger Auskofferung wurden zudem feste, naturfreundliche Zufahrtswege zur neuen Lagerhalle gelegt.

 

17.09.2010 – Sabine Müller / Münstersche Zeitung: Pumpenhaus trockengelegt

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17.09.2010 – Sabine Müller für die Münstersche Zeitung
Pumpenhaus trockengelegt

Theatersanierung

Das Theater im Pumpenhaus war total nass. Bei starkem Regen staute sich das Abwasser in den Lichtschächten und überflutete die Garderobe zweimal jährlich, in den Fundamenten nistete die Feuchtigkeit, der Glasanbau rostete, nachdem in einer Silvesternacht in den 90ern ein Auto hinein gebrettert war und die Metallkonstruktion verbog und porös machte.

In den Theaterferien wurde das Haus für 200 000 Euro renoviert. Das Geld stammt aus dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung. Die Fundamente wurden trocken gelegt, die Drainagen erweitert. „Damit ist das Gebäude langfristig gesichert“, so Theaterleiter Ludger Schnieder gestern bei einer Gebäudebegehung.

Zudem steht hinter dem Haus der Rohbau für einen neuen, 50 Quadratmeter großen Lagerraum, der in etwa drei Wochen fertig sein wird. Auch die Auffahrt wurde befestigt und für Lkw befahrbar gemacht. Hier können anreisende Ensembles ihr Equipment anliefern und den Raum sogar als Lkw-Garage nutzen. Die vier verrosteten Übersee-Container, in denen bislang Bühnenbilder lagerten, sind Geschichte.

Neues Glasfoyer

Neu ist auch der Glasanbau mit Tür an der nördlichen Gebäudeseite. „Wir überlegen, ob wir den Haupteingang hierhin verlagern“, so Schnieder. „Wir werden ausprobieren, wie praktikabel das ist.“ Das neue Glas-Foyer sollte eigentlich zum Spielzeitstart vorgestern fertig sein, doch die Bauarbeiten verzögern sich um drei Wochen: Starkstromkabel mussten aufwändig umverlegt werden.

Rückblick auf Statements

Zum Spielzeitbeginn gab es aber auch einen Rückblick. Schnieder zog Bilanz des Statements-Festivals, mit dem das Pumpenhaus von Mitte April bis Mitte Juni seinen 25. Geburtstag feierte. 80 Veranstaltungen wurden in 58 Tagen gestemmt. Mehr als 15 000 Besucher kamen: Das sind so viele wie sonst im ganzen Jahr. „Wir haben uns bei der Auswahl der Stücke nicht um Genregrenzen geschert, sondern nur auf Qualität gesetzt, und das Konzept ist aufgegangen“, so Schnieder. „Wir haben Zuschauerkreise erreicht, für die das Pumpenhaus sonst viel zu stark Off-Theater ist.“

Komplimente von der Ruhr.2010
Komplimente habe es von Zuschauern, Künstlern und von der Führungsriege von Ruhr.2010 gegeben, erzählt Schnieder. Nachträgliche Beweise für die hohe Qualität des Programms gab es auch: Viele Produktionen erhielten Preise und wurden direkt von Münster aus zu internationalen Festivals eingeladen.

Gekostet hat das Festival 263 000 Euro, finanziert von der Provinzial, der Sparkasse, privaten Sponsoren und dem Land.

 

17.08.2010 – Martina Döbbe / Westfälischen Nachrichten: Schauspieler als „Patienten“ der Intensivstation

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17.08.2010 – Martina Döbbe für die Westfälischen Nachrichten
Schauspieler als „Patienten“ der Intensivstation

„Dr. House“, Fernseharzt und Diagnostik-Genie bei RTL, macht Sommerpause. Tugsal Mogul, Anästhesist, Notarzt und Theaterregisseur in Münster, sucht dagegen unermüdlich nach Antworten. Als schauspielernder Insider hat Mogul die Notfallmedizin bühnenreif gemacht – mit großem Erfolg und viel Publikum (das BBV berichtete). Jetzt arbeitet er mit seinem „Theater Operation“ an einem neuen Projekt.

Auf Leben und Tod

Arbeitstitel: Intensivstation. Eine Klinikabteilung, die Außenstehenden verschlossen bleibt. Dort, oft an der Schwelle zwischen Leben und Tod, hängen Menschen an Maschinen, kämpfen Ärzte um Patienten, betreuen Schwestern Kranke bis zum letzten Atemzug. Aber viele schaffen auch den Schritt zurück ins Leben. Was haben sie auf dieser Gratwanderung erlebt? Was haben sie gefühlt? Gehört? Geträumt? Hatten sie Angst? Schmerzen?

Für Mogul sind das spannende Fragen. Mögliche Antworten darauf will er auch anderen nahebringen. Also schlüpfen seine Schauspieler, die zuvor als „Halbstarke Halbgötter“ begeistert haben, in die Rollen von Patienten. Und bereiten sich darauf ganz besonders vor: Jeder von ihnen hospitiert drei Tage lang im Universitätsklinikum Münster. „Eine tolle Chance, sich intensiv auf diese Rolle vorzubereiten“, sagen Stefan Otteni und Agnieszka Barczyk. Dafür sind sie dankbar, möchten aber bloß keinen großen Wirbel daraus machen: „Wir sind hier die Lernenden“, stellen sie klar.

Was auch bedeutet, dass diese Vorbereitung den Schauspielern sehr viel abverlangt. Denn sie erleben in diesen drei Tagen alles mit, was auf der Station 19a im Ostturm und auf der 10a im Westturm passiert. Sie sind berührt von jener Frau, die täglich 100 Kilometer weit fährt, um nur bei ihrem Mann zu sitzen. Sie sind beeindruckt von den Schwestern und Pflegern, von deren Leistung, Kraft und Einsatz.

Tugsal Mogul hat in den vergangenen Wochen vorbereitende Gespräche geführt: mit Patienten, die die Intensivstation wieder verlassen konnten. Die ihr „zweites“ Leben bewusst wahrnehmen und bereit sind, in ihre Zeit auf der Intensivstation persönliche Einblicke zu gewähren. Wie haben sie das Erwachen erlebt? Woran können sie sich erinnern?

Zu Wort kommt beispielsweise eine Patientin, die eine Herztransplantation durchgemacht hat. Und ein Patient, der eine Hirnblutung überlebte. Die Schauspieler sehen sich als „Paten“, die diese persönlichen Schicksale zeigen. Und sie werden auf der Bühne darstellen, wie es auf der Intensivstation zugeht: an Monitoren und Schläuchen hängend, im Bett liegend. Die Premiere in Münsters Pumpenhaus ist für den 24. November geplant.

Das Ensemble erklärt: Mit diesem Stück wollten sie den Patienten eine Stimme geben und keine erfundenen, sondern realistische Situationen darstellen. Dabei soll aber nicht medizinische Hightech im Vordergrund stehen, sondern eher eine religiös-philosophische Betrachtung.

Auch diese Erkenntnis: Auf der Intensivstation ist jeder gleich. Die Akteure sagen: Dort zählten nicht Geld, Ansehen, Alter: „Es geht um die Grenzsituation eines Menschen. Es geht um Leben und Tod.“ Da würde selbst „Dr. House“ nicht widersprechen.

 

09.08.2010 – Martina Döbbe / Westfälischen Nachrichten: Arzt und Schauspieler: Tugsal Moguls neues Projekt

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09.08.2010 – Martina Döbbe in den Westfälischen Nachrichten
Arzt und Schauspieler: Tugsal Moguls neues Projekt

Münster – Die Tür zur Intensivstation, sie ist stets verschlossen. Dort, oft genug auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, hängen Menschen an Maschinen. Kämpfen Ärzte um Patienten. Halten Besucher die Hand eines lieben Angehörigen. Betreuen Schwestern junge und alte Kranke oft bis
zum letzten Atemzug.

Aber viele schaffen ihn auch – den Schritt zurück ins Leben. Was haben Betroffene erlebt auf dieser Gratwanderung? Was haben sie gefühlt? Gehört? Geträumt? Hatten sie Angst? Schmerzen? Für Tugsal Mogul sind das spannende Fragen, auf die er eine Antwort sucht. Und anderen Menschen nahebringen möchte. Der Schauspieler und Regisseur, dem als Anästhesisten in der Raphaelsklinik die Intensivstation absolut vertraut ist, arbeitet mit seinem Theater Operation an einem neuen Projekt. Arbeitstitel: Intensivstation. Und die Schauspieler, die schon in der vorherigen Produktion als „Halbstarke Halbgötter“ begeisterten, schlüpfen nun in die Rollen von Patienten. Und bereiten sich darauf ganz besonders vor: Jeder von ihnen hospitiert drei Tage lang im Universitätsklinikum
Münster. „Eine tolle Chance, sich intensiv auf diese Rolle vorzubereiten“, sagen Stefan Otteni und Agnieszka Barczyk übereinstimmend. Dafür sind sie dankbar, möchten bloß keinen großen Wirbel aus ihrem Dasein auf den Stationen machen: „Wir sind hier die Lernenden.“

Eine Vorbereitung, die den Schauspielern aber auch sehr viel abverlangt. Denn sie erleben in diesen drei Tagen alles mit, was auf der Station 19 a im Ostturm und auf der 10 a im Westturm passiert. Sie sind berührt von der Frau, die täglich 100 Kilometer fährt, um einfach nur bei ihrem Mann zu sitzen. Sie sind beeindruckt von den Schwestern und Pflegern, von deren Leistung, von deren Kraft, von deren Einsatz.

Tugsal Mogul hat in den vergangenen Wochen schon vorbereitende Gespräche geführt mit Patienten, die die Intensivstation wieder verlassen konnten. Die ihr „zweites“ Leben bewusst erleben und bereit sind, über ihre Zeit auf der Intensivstation ganz persönliche Einblicke zu geben. Wie haben sie das Wachwerden erlebt? Woran können sie sich erinnern? Eine Patientin, die eine Herztransplantation erlebt hat, kommt zu Wort. Ein anderer, der eine Hirnblutung überlebte. Die Schauspieler sehen sich als „Paten“, die diese ganz persönlichen Schicksale zeigen – und sie werden auf der Bühne darstellen, wie es auf der Intensivstation zugeht: an Monitoren und Schläuchen hängend, im Bett liegend.

Denn dieses Stück, das am 24. November Premiere im Pumpenhaus erlebt, will den Patienten eine Stimme geben, will keine erfundenen, sondern realistische Situationen übermitteln. Dabei steht nicht medizinisches Hightech im Vordergrund. Eher religiös-philosophische Betrachtungen – und auch die Erkenntnis: Auf der Intensivstation ist jeder gleich. Es zählten nicht Geld, Ansehen, Alter: „Es geht um die Grenzsituation eines Menschen. Es geht um Leben und Tod.“

 

15.06.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Schmerzen glänzen silbern

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15.06.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Schmerzen glänzen silbern

MIt dem japanischen Ausnahme-Tänzer Ko Murobushi ist das Statements-Festival im Theater im Pumpenhaus zu Ende gegangen. Seit dem 17. April feierte das Theater in Münster seinen 25. Geburtstag.

Wenn Ko Murobushi in verbeultem schwarzen Anzug die Bühne des Pumpenhauses betritt, sieht er nicht aus, wie man sich einen Tänzer vorstellt. Eher lassen die abgehackten Bewegungen und die silbern geschminkten Hände, mit denen er sich immer wieder schmerzhaft an den Kopf greift, an einen alterschwachen Roboter denken oder an eines jener merkwürdigen Zwitterwesen, wie man sie in einschlägigen Comics oder Science-Fiction-Filmen findet.

Auch die Musik strahlt wenig Lebensfreude aus. Vielmehr beschränkt sie sich auf das Überlagern schriller Klänge und überlauter Knister- und Kratzgeräusche, womit sie zumindest das schmerzhafte Gebaren des Protagonisten erklären würde, der jetzt seine Kleider ablegt und einen gänzlich silbernen Körper enthüllt, der eindeutig nicht mehr jung ist, aber außergewöhnlich straff und fest, was den anfänglichen Eindruck eines notleidenden Maschinenwesens verstärkt.

Vertreter des Butoh

Ko Murobushi ist einer der bekanntesten Vertreter des Butoh, jener nach dem zweiten Weltkrieg in Japan entstandenen Tanzkunst, deren Ästhetik sich bewusst gegen gängige Vorstellungen von Schönheit richtet. Diese Antiästhetik prägt auch Murobushis Solo „Quicksilver“, in dem der 63-jährige Tänzer in die Rolle eines alten Mannes schlüpft, dessen Körper sich hart an der Schwelle vom Leben zum Tod bewegt.

Ein Großteil des knapp einstündigen Stücks ist bestimmt vom Versuch des Protagonisten, sich aus liegender Position in die Senkrechte zu erheben. Immer wieder von Neuem ordnet er seine Glieder an, die bald wie unter Stromstößen zu zucken beginnen und dann wieder schlaff in sich zusammenfallen. Dazwischen stößt er Grummellaute aus, weil es ihm einfach nicht gelingen will hochzukommen. Bis er dann endlich steht – um nach zehn Sekunden wie ein gefällter Baum erneut zu Boden zu stürzen.

Bitteres Spiel

Es ist ein bitteres Spiel, das deprimiert und gleichzeitig fasziniert, weil offenbar wird, dass erhebliche Körperbeherrschung nötig ist, um Gebrechlichkeit auf künstlerische Weise überzeugend darzustellen. Dieses Paradox hält Murobushi durch, bis er sich am Ende wie ein tödlich verwundetes Tier in einen Sandhaufen stürzt, während sich die Musik mit Tosen und Brausen zu einem wahren Weltuntergangsszenario steigert. Ein erhellender Einblick in eine Tanzkultur, die man auch die dunkle nennt.

Ein würdiger Abschluss für das Statements-Festival in Münsters Pumpenhaus, das mit der letzten Vorstellung am Sonntagabend seinen Abschluss fand.

 

14.06.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Papier oder Stein

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14.06.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Papier oder Stein

Uraufführung: Burkhard Spinnen nähert sich Max Geisberg und dem Prinzipalmarkt

Ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Hindenburg, nein danke!” trägt Burkhard Spinnen nicht. Aber in Auftrag gegeben ist es schon. Er möchte den Hindenburgplatz in Geisbergplatz umbenennen lassen. 946 Unterschriften hat er dafür gesammelt.

Es ist kurz vor der großen Vorstellung des Antrages im münsterschen Rathaus. Burkhard Spinnen geht mit seiner Assistentin Cornelia Kupferschmid ein letztes Mal die Präsentation durch. Es ist die Geschichte vom Retter des historischen Münsters, nach dessen Plänen der Prinzipalmarkt nach der Zerstörung im Krieg wieder aufgebaut wurde, richtig erzählt?
Die zahlreichen Besucher im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte waren am Sonntagmorgen gebannt von dieser besonders literarischen Form, sich dem großen Kunsthistoriker, der von 1875 bis 1943 lebte, zu nähern.
Der münstersche Autor Burkhard Spinnen hat im Auftrag des Theaters im Pumpenhaus ein “szenisches Essay” erfunden: “Papier und Stein. Max Geisberg.” Er und Schauspielerin Cornelia Kupferschmid schlüpfen in Rollen, die ihre eigenen Namen tragen. Was den Text täuschend echt macht. Vielleicht bastelt Spinnen ja tatsächlich an einem Bürgerbegehren?
Spinnen benutzt die Rahmenhandlung jedenfalls sehr geschickt, um dem Publikum einen Mann nahe zu bringen, mit dem er sich selbst bereits seit 20 Jahren beschäftigt. Die trockene Geschichte wird saftig und schmackhaft, wenn Spinnen schreibt. Ganz ohne Schnörkel und Pathos wird Geisberg greifbar.
Man sieht den fast zwei Meter großen Mann, der jeden Morgen aus der Straßenbahn am Prinzipalmarkt steigt, um in “sein” Landesmuseum zu gehen. Er ist dort Direktor. 1934 wird er von den Nazis abgesägt und widmet sich fortan der Dokumentation der historischen Bausubstanz von Münster. Bei der Untersuchung erlebt er bereits den “Umbau des Alten”: hier fehlt ein Kamin dort Stuck – die Kaufleute haben ihre historischen Häuser schon längst verändert. 1945, zwei Jahre, nachdem Geisberg auf dem Domplatz zusammenbricht und stirbt, liegt der Prinzipalmarkt dann in Schutt und Asche.

Münster baut

Doch kaum ein Haus wird tatsächlich so aufgebaut, wie vor dem Krieg. Geisbergs Papier und die Steine am Prinzipalmarkt: Das sind zwei Welten. “Münster baut sich selbst”, schreibt Spinnen. Im Geiste Geisbergs. Und wandelt heute durch ein “Mittelalter mit internationalem Warenangebot”. 
Eine intelligente und kurzweilige Geschichtsstunde, die auch die Frage stellte nach der heutigen Identität Münsters. Der Uraufführung werden hoffentlich Wiederholungen folgen.

 

14.06.2010 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Geisberg, der Münster-Kenner

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14.06.2010 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten
Geisberg, der Münster-Kenner

Szenischer Essay “Papier und Stein” von und mit Burkhard Spinnen und Cornelia Kupferschmid

Hindenburgplatz? Nein – „Geisbergplatz“ wäre viel besser. Und allemal angemessener. Mit diebischer Freude sticht Burkhard Spinnen ins Wespennest, wenn er den just wieder hochköchelnden Dauerstreit um den Hindenburgplatz mit seinem Protagonisten Max Geisberg verknüpft. Der münstersche Schriftsteller Spinnen hat sein neues Opus „Papier und Stein“ jenem Mann gewidmet, der sich wie kein zweiter um die historische Schönheit der Stadt verdient gemacht hat. Seit 20 Jahren befasst er sich mit Geisberg, dem Kunsthistoriker und langjährigen Direktor des Landesmuseums, der akribisch das historische Gesicht Münsters dokumentierte. Haus für Haus. Was von den Nazis als undankbarer Frondienst für den missliebigen Gelehrten gedacht war, wurde diesem zur Herzenssache.

Und Geisbergs „staubige Kunsthistoriker-Prosa“ wurde für Spinnen immer lebendiger. Sie inspirierte ihn (im Auftrag des Pumpenhauses) zu einem „szenischen Essay“, der am Sonntagmorgen mit rauschendem Applaus aufgenommen wurde. Im Landesmuseum, mit der Domkulisse im Rücken. Der Genius Loci mag den Autor und die Schauspielerin Cornelia Kupferschmid beflügelt haben, als sie ihren szenischen Disput ausfochten, der so gelehrsam wie unterhaltsam war. Beide treten in ihrer Rolle als Verfechter eines „Geisbergplatzes“ auf. Jenes Platzes, der im 18. Jahrhundert Neuplatz hieß und 1927 dem Reichspräsidenten Hindenburg gewidmet wurde. Den wollen viele schon lange vom Sockel stoßen. Ein Bürgerbegehren soll´s endlich richten (wieder so ein heißes Münster-Eisen!). Doch Spinnen, der Spiritus rector, weiß, dass Bürgerbegehren die „unangenehme Tendenz“ haben, Stellvertreterkriege anzuzetteln. Überhaupt sind ihm all die pfiffigen Marketing-Ideen seiner Mitarbeiterin „Frau Kupferschmid“ eher suspekt. Die aber weiß, dass die junge Bevölkerung mit abstrakten Argumenten nicht zu gewinnen ist. Da braucht´s den griffigen Slogan „Ohne Geisberg kein schönes Münster“. Und coole T-Shirts sind auch schon gedruckt („Hindenburg? Nein danke!“).

 

Spinnen würzt die Essay-Form geschickt mit der richtigen Prise Humor und schafft es, die Faszination für Geisberg zu vermitteln. Der wusste, dass „sein“ historisches Münster schon völlig umgemodelt und kaputtrenoviert war. „Er hat den Zahn der Zeit bei der Arbeit gesehen“ – in 30 Jahren eine Zerstörung erkannt, die der Luftkrieg nur noch vollendete. Doch ist es seiner Akribie zu danken, dass das heutige Münster dem mittelalterlichen „Original“ viel näher kommt als das von 1942. Da war der Prinzi ein „Architekturmuseum“, das von der Gotik bis zum Expressionismus alles verpantschte.

 

14.06.2010 – Petra Noppeney / Westfälischen Nachrichten: Sehniger Körper zuckt in Krämpfen

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14.06.2010 – Petra Noppeney in den Westfälischen Nachrichten
Sehniger Körper zuckt in Krämpfen

Ko Murobushi präsentiert sein Tanzstück “Quick Silver” im Pumpenhaus

Der Körper steckt in einem viel zu großen dunklen Anzug. Hände und Füße lugen silbrig hervor. Der Kopf ist verhüllt mit einem dünnen Tuch, das das Gesicht darunter nur schemenhaft erkennen lässt. „Hallo“, spricht der Tänzer von der spärlich beleuchteten Bühne in den Raum. Der Rest an Worten bleibt unverständlich im Intro zum Tanzabend „Quicksilver“ mit Ko Murobushi in der „Statements“-Reihe im Pumpenhaus.

Murobushi, der Tänzer aus Tokyo, gilt als radikalster Minimalist der japanischen Tanzkunst namens „Butoh“, die sich mit „Dunkler Tanz“ übersetzen lässt und sich allen Schönheitsidealen westlicher Prägung widersetzt. Am Ende des mit 45 Minuten sehr kurzen Tanzabends wird sich Murobushi auf dem Boden winden wie ein Wurm, er wird winseln und wimmern. Eine Art von Ästhetik, die gewöhnungsbedürftig ist, aber auch etwas Magisches hat.

 

63 (!) ist der Mann, der nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen scheint und dessen Choreografie „Quick Silver“ ganz auf seinen durchtrainierten Körper zugeschnitten ist. An Requisiten gibt es nur zwei silberne Bleche, eins hängend, eins liegend. Ersteres erzeugt Klänge wie ein Gong, wenn Murobushi mit den Händen darauf schlägt und hämmert. Zudem entstehen irre Lichtreflexe, weil das Blech schwingt und es den Lichtstrahl des Scheinwerfers bricht.

Solch schöner Ästhetik versagt sich Murobushi fortan. Nur mit einem String bekleidet, liegt er auf dem Boden, angestrahlt von Schweinwerfern zur Linken und Rechten der Bühne. Fast scheint es, als ob er diesem Licht entkommen will, dieser silbrige Körper, der wie von Krämpfen durchzuckt wird. Dialog-Fragmente erklingen, als würde jemand permanent im Radio nach einem neuen Sender suchen. Wie ein Reptil wirkt Murobushi, wie ein kahlköpfiger Gnom, der immer wieder versucht, auf die Beine zu kommen oder in den Vierfüßlerstand. Doch stets knallt der Körper brutal zu Boden.

Fast verschämt nimmt Murobushi zum Dank eine Rose in Empfang. Und den verdienten Applaus des Publikums.