16.10.2010 – Heiko Ostendorf / Münstersche Zeitung: Theaterpremiere “Context”

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16.10.2010 – Heiko Ostendorf für die Münstersche Zeitung
Theaterpremiere “Context”

Die im Regen stehen

„Wir waren Verschwörer“, sagt Nils. Auf ihn, den talentierten Schreiber, der sich sein Geld als Hilfsarbeiter verdienen muss, trifft das auch noch immer zu. Seine beiden Freunde Caspar und Olga haben inzwischen gut bezahlte Jobs, sind erfolgreich. Caspar als Werbefachmann, Olga als Journalistin. Gemeinsam hat das Trio, das sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat, kaum noch etwas.

Der Schweizer Igor Bauersima, der mit „norway.today“ das vor ein paar Jahren auf deutschen Bühnen meistgespielte Stück geschrieben hat, konfrontiert in „Context“ drei ehemalige Germanistikstudenten mit den Problemen des Älterwerdens.

Anfangs fallen sie sich noch um den Hals, demonstrieren unbändige Wiedersehensfreude. Doch schnell geraten sie aneinander. Philip Gregor Grüneberg hat aus dieser Konstellation am Donnerstag bei der Premiere im Pumpenhaus eine dichte, unpathetische Inszenierung geschaffen.

Auf einen Joint
Damals, als sie noch beste Freunde waren, haben sie sich immer mal wieder auf einen Joint verabredet, ihre Lebenserfahrungen verglichen. Und jetzt? In einem durchchoreografierten Drogenrausch scheint es fast so wie früher. Es wird philosophiert und geschwelgt. Schön war die Zeit. Dann schlägt Nils um sich – verbal. Caspar habe sich für viel Geld und einen schönen Wagen prostituiert, lautet einer der Vorwürfe. Und Olga sei nur noch eine Opportunistin, lautet ein anderer. Schließlich stehen alle im Regen, der auf den Bühnenboden prasselt und die Erinnerungen fortspült.

Slam-Poet Strauß überzeugt
Der bekannte Slam-Poet Andy Strauß kann bei seinem Theaterdebüt in der Rolle des Moralapostels Nils seine Stärken als frech-sympathischer Dauerjugendlicher hervorragend ausleben. Jonas Vietzke gelingt als Caspar eine überzeugende Darstellung des kühlen Yuppies, dem man die Sehnsucht nach dem einst von Idealen geprägten Studentenleben immer wieder anmerkt. Olga ist bei Anna-Lena Zühlke ganz meinungslose Mitläuferin, ein bisschen naiv und gerne verzweifelt.

Die Aufführung zieht die Zuschauer in die selbstquälerische Sinnsuche dieser Mittdreißiger, in diese viel zu frühe Lebenskrise unbarmherzig mit hinein. Auch dank der Tänzerin Jennifer Ocampo Monsalve. Sie flaniert als Sinnbild längst vergangener Ideale um die drei Freunde herum, ist mal leibhaftig gewordene Droge, mal Symbol der verblassenden Freundschaft. Eine starke Inszenierung.

 

07.10.2010 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Manche Sätze schnappen nach Sinn

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07.10.2010 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Manche Sätze schnappen nach Sinn

„Land der Berge, Land am Strome“ – es ist die Hymne Österreichs, welche die Akteure feierlich-schüchtern anstimmen, derweil die Blockflöte kindlich fiept. Österreichisch auch die Flagge, die auf der Bühne des Pumpenhauses ausgebreitet liegt. Österreicher war auch jener Wort-Berserker, dessen assoziativ gedrechselte Dialoggefechte danach über eine Stunde aus den Mündern schnauben: Werner Schwab, gefeierter Autor von „Fäkaldramen“, der mit 35 Jahren an einem Alkoholexzess starb.

Mit solch alpiner Ouvertüre wurde Schwabs Stück „Offene Gruben Offene Fenster“ als Teil der Österreich-Trilogie der münsterischen Theatergruppe „gloster!“ kenntlich. Schauspieler Carsten Bender konnte Thomas Thieme für die Regie gewinnen, der dem breiten Publikum vor allem als mächtiger Mime bekannt ist („Das Leben der Anderen“). Die schwere Schwab-Kost kam bei der Premiere gut an.

 Mit hoher Intensität begaben sich Carsten Bender, Katharina Merschel und die Tänzerin Ursina Hemmi ins Sprachlabor der modernen Paarbeziehung. Als solches hat der Autor sein Stück bar jeder Handlung konstruiert und das Sprechen selbst zum Thema gemacht. Ein „Er“ und eine „Sie“ durchlaufen verschiedene „Aggregatzustände“ der Emotion. Sie belauern und umkreisen sich verbal im Wechsel von Anziehung und Abstoßung, wobei das „Vehikel“ (Ursina Hemmi) das Ungesagte pantomimisch in gefühlvolle Aktion übersetzt. Der Tanz als dritte Dimension des Dialogs.

„Ein Fall von Ersprechen“ hat der Autor seinen Text auch genannt, der offiziell als Komödie firmiert. Anfangs provozieren die gestelzten Dialog-Parodien auch so manchen Lacher. Ist ja auch witzig, wenn die Blonde im Abendkleid bierernst verkündet: „Ich bediene ein eigenhändig sterilisiertes Gedächtnis.“ Später, wenn man sich näher gekommen ist, und zwischen Tisch und Bett die Sinnsuche quält, sinniert „Er“ wiederum: „Vielleicht wäre es wirklich lebensgünstiger, wenn man Kinder hätte.“

Der Nachwuchs stellt sich auch ein, wenn das „Vehikel“ sich das Blut eines Plastik-Froschkönigs über den Körper gießt, um als roter, glitschiger Fötus zwischen den Beinen der kreischenden „Sie“ wieder zum Vorschein zu kommen. Am Ende tanzt „es“ ganz allein – deformiert, keuchend, verzweifelt.

Darsteller und Inszenierung sind überzeugend. Beim Text selbst scheint fraglich, ob seine Substanz für 70 Minuten ausreicht, zu anstrengend ist das Wechselspiel von Sinn und Unsinn, Bürokratendeutsch und Fäkaljargon. Manche Sätze schnappen nach Sinn, manche nur nach heißer Luft.

 

07.10.2010 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Theaterpremiere “Offene Gruben”

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07.10.2010 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Theaterpremiere “Offene Gruben”: Warum nicht im Bett Geschirr spülen? –

Der Österreicher Werner Schwab gilt als Berserker unter den Bühnenautoren. Bevor er sich am Neujahrsmorgen 1994 mit 4,1 Promille Alkohol aus dem Leben katapultierte, brachte er innerhalb von vier Jahren 16 Dramen zu Papier. Eines davon ist „Offene Gruben Offene Fenster“, das am Mittwoch in einer eindrucksvollen Inszenierung der Theatergruppe „gloster!“ in Münsters Pumpenhaus Premiere feierte. Für die Regie konnte der in Berlin lebende Schauspieler Thomas Thieme (der böse DDR-Kulturminister aus „Das Leben der Anderen“) gewonnen werden.

Es ist eine radikale Abrechnung mit dem Leben an sich und der Beziehung zwischen Mann und Frau im Besonderen, die das dreiköpfige Ensemble hier auf die Bühne bringt. Der Raum ist karg möbliert – sieben Stühle, von denen keiner zum anderen passt, ein aus einem Holzbrett herausgesägter Hase, der weiters keine Rolle spielt, und ein Froschkönig aus Plastik, der später reichlich Blut vergießen wird.

Mit Sprache bombardiert

In dieser „Wohneinheit“ treffen ein Er (Carsten Bender) und eine Sie (Katharina Merschel) aufeinander. Ihr Dialog ist „Ein Fall von Ersprechen“, wie es im Untertitel heißt. Das bedeutet bei Schwab, dass sich die Protagonisten mit teils derben, teils absurd gestelzten Formulierungen bombardieren. „Der öffentliche Mensch nimmt seine Aufgabe wahr wie eine Verdauung des Hineingefressene“, heißt es da beispielsweise. Oder es kommt der groteske Vorschlag, im Schlafzimmer nicht immer nur Kinder zu zeugen, sondern auch mal Geschirr zu spülen.

Dass diese Bemerkungen nicht allgemeiner Natur, sondern direkt auf den anderen gemünzt sind, bringt die Tänzerin Ursina Hemmi zum Ausdruck, indem sie als „Vehikel“ zwischen Mann und Frau hin und her springt und deren Befindlichkeiten in Bewegung umsetzt. Später wird sie sich mit Blut übergießen, als wäre sie gerade einem Orgien-Mysterien-Spiel des österreichischen Aktionskünstlers Hermann Nischt entsprungen, und als Neugeborenes zwischen den Beinen der Frau hervorkriechen.

Happy End?
Diese Tanzeinlagen führen schließlich dazu, dass die beiden Schauspieler ihre Festungen verlassen, in die sie sich mithilfe ihrer monologisierenden Wortkaskaden verschanzt haben. Am Ende des raffiniert in Szene gesetzten und hervorragend gespielten Stücks ist aus zwei Singularitäten tatsächlich so etwas wie ein Paar geworden. Ob das gut ist, steht angesichts des Vorangegangenen freilich auf einem anderen Blatt.

 

07.10.2010 – Stefan Pieper: Zwischen den Wort-Hülsen tobt das Nicht-Gesagte

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07.10.2010 – Stefan Pieper
Zwischen den Wort-Hülsen tobt das Nicht-Gesagte

Schwabs „Offene Gruben offene Fenster“ jetzt im Theater Pumpenhaus Münster

Die sprachgewaltigen Texte des Werner Schwab griffen ins tiefste Zentrum menschlicher Kommunikation ein, suhlten sich dort, wo man (und frau) sich in kleinbürgerlicher Normalität entfremdet hat.  „Offene Gruben offene Fenster. Ein Fall von Ersprechen“ gehört zum Spätwerk des exzentrischen Dramatikers aus Österreich. Die neu gegründeten „gloster!“- Theaterproduktionen des Münsteraner Schauspielers und Sprechers Carsten Bender brachten mit der Premiere des spröden Werks eine Aura verstörender Endzeit-Stimmung in die ansonsten sehr behagliche Studiotheater-Atmosphäre des ehemaligen Pumpenhauses.

Ein Mann (Carsten Bender)  und eine Frau (Katharina Merschel) agieren nebeneinander. Ihre Sprache markiert den Zustand von Isolation, wie Sprache im allgemeinen Symptom von Herrschaftsverhältnissen und Entfremdung geworden ist.  Um dem vielen Nicht-Gesagten zwischen den kollossal aufgetürmten Wort-Monströsitäten ein Gesicht zu verleihen, tobt, wirbelt und gestikuliert zwischen den beiden das sogenannte „Vehikel“. Dies ist eine von Schwab geschlechtslos konzipierte, aber in Thomas Thiemes Inszenierung eindeutig weiblich dargestellte Kunstfigur (Ursina Hemmi). Gerade deren ganzer Körpereinsatz bringt Dynamik, ja Spaß und auch Schockeffekte in diese groteske Komödie hinein – und macht damit auch wieder wett, was den beiden anderen Darstellern nicht immer gelingt. Sie hätten Schwabs Sprachkunst zu weitaus mehr Durchschlagskraft verhelfen können durch noch mehr sprech-künstlerisch artikulatorische Eindringlichkeit!

Dennoch: Eine  mutige und wichtige Tat dieses kleinen, wie traditionsreichens Studiotheaters, um den 1994 verstorbenen Theater-Rebellen in seiner zeitlosen Relevanz einmal mehr zu bestätigen.

 

27.09.2010 – Marian Schäfer / Westfälischen Nachrichten: Heiteres Beruferaten

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27.09.2010 – Marian Schäfer für die Westfälischen Nachrichten
Heiteres Beruferaten

Adam Riese hat gesprochen, und am Ende klopfen sich alle auf die Schulter. Der Nebel der Selbstbeweihräucherung ist zum Schneiden: Münster, der Nabel der Welt! Das erste Konzert der Stones in Deutschland? Hier. Wo hat Goethe eine ganze Nacht auf einem Kneipenstuhl gepennt? Hier. Nach welchem Vorbild wurden die Arkaden am Petersplatz im Vatikan errichtet? Abgeguckt vom Prinzipalmarkt! Dass Günther Jauch hier geboren, Papst Benedikt hier drei Jahre gelehrt hat – nur eine Randnotiz in der ruhmvollen Stadtgeschichte.

Aber dies alles sind Punkte, die Nathalie Licard – als Praktikantin gestartet und mit ihren französisch-deutschen Anmoderationen und Außenreportagen bei der „Arald Schmidt Show“ bekannt geworden – ordentlich ins Schwimmen bringen. Der Auftritt bei der „Adam Riese Show“ im Theater im Pumpenhaus ist ihr erster Besuch in Münster. Kein Wunder, dass sie den Verleger Wolfgang Hölker beim Ratespiel zum „Moderator im Süpermarkt“ macht, H-Blockx-Mann Henning Wehland zum Zahnarzt („Der hat so schöne Zähne“) – und mit feinem Gespür Oberbürgermeister Lewe als „Freund vom Sarkozy“ enttarnt.

Adam Riese – silberner Anzug, rot-weiß gestreiftes Hemd, knallrote Krawatte und auf Hochglanz polierte rote Lackschuhe – ist an diesem Abend die Reinkarnation des jungen Harald Schmidt. Und zum Glück nicht mit Manuel Andrack als Sidekick ausgestattet, sondern mit Markus Paßlick von der „Pumpernickel“-Showband, der meistens frech, hin und wieder aber auch hilfreich ist, wenn der rote Riese mal den Faden verloren hat.

Der Talk mit der „Schmollmund-Französin“ (Programmtext) ist der letzte von drei Akten. Nacheinander holt sich Riese seine Gäste auf die graue Couch. Als Erste wird Romy Camerun vorgestellt, die von 1983 bis 1993 in Münster gelebt, viele Studiengänge angefangen und abgebrochen und mit ihrer jazzigen Stimme vor allem die Blechtrommel, das Odeon und die Destille beglückt hat. Heute lebt die international bekannte Jazzsängerin in Bremen, arbeitet als Dozentin an Hochschulen und mit Jugendlichen aus sozial schwachen Familien in Projekten. Die Kommunalpolitik Münsters auf jeden Fall ist weit weg: CDU-Mann Richard Michael Halberstadt sortiert sie bei der Linken, den Grünen Winni Nachtwei spontan bei der Piratenpartei ein.

Bleibt der bullige Hans-Martin Stier: Eine Stimme, so rau wie die See, die er ab dem 17. Lebensjahr sechs Jahre lang mit der Handelsmarine durchkreuzt, auf der er Schafe von Australien nach Arabien und Whiskey von Schottland nach Amerika gebracht hat. Stier lebte von 1974 bis 1983 in Münster, erschuf mit der „Törner Stier Crew“ so legendäre Titel wie „Monster, Blut und kleine Mädchen“. 1977 hat er zudem versucht, nach einem Konzert die Kugeln in den Aasee zu rollen.

Seit vielen Jahren ist er nun als Film- und TV-Schauspieler erfolgreich, steht aber mit „Stier“ wieder auf der Bühne. An diesem Abend stellt er sein neues Album „Reden“ vor. Dabei steht ihm Romy Camerun zur Seite. Zusammen stimmen sie „Ain´t no sunshine when she´s gone“ an, bevor der Saal sich erhebt und in die Nacht entschwindet, den Termin der nächsten „Adam Riese Show“ im Hinterkopf.

» Die nächste Talkrunde mit Adam Riese findet am 28. November statt.

 

24.09.2010 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Die Fratze des Krieges

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24.09.2010 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Die Fratze des Krieges

“Big mouth”: Tanz aus Tel Aviv als Premiere im Pumpenhaus

Eine Frau und zwei Männer marschieren im Gleichschritt. Wie Soldaten bewegen sie sich über die Bühne; ihre abgemessenen Schritte werden nur durch Richtungswechsel und angedeutete Volkstanzelemente unterbrochen. Einer gibt leise das Kommando an, die anderen folgen, bis die Frau endlich aus der Reihe tanzt.

„Big mouth“ ist der Titel der Tanzproduktion von Niv Sheinfeld und Oren Laor aus Tel Aviv, die das Stück nicht nur choreografiert haben, sondern gemeinsam mit Keren Levi als Tänzer auf der Bühne stehen. Im Pumpenhaus war das Stück jetzt zu sehen.

Zentrales Thema ist der Konflikt zwischen individueller Identität und israelischem Kollektiv. Vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Krieges wirkt die Entscheidung gegen das Kollektiv, auch wenn sie nicht leicht fällt, wie ein Bekenntnis zum Frieden. Ein gewagtes Statement, das nach seiner Uraufführung 2009 in Tel Aviv entsprechend kontrovers diskutiert worden ist.

Dabei arbeiten die Choreografen sensibel, mitunter sogar mit Humor. Die Tänzerin Keren Levi ist als Freiheit suchende Figur hin- und hergerissen zwischen Individualität und Gemeinschaft. Komisch, wie ihre Landsleute nach anfänglicher Kontroverse, die sich in bis zur Selbstzerstörung schweißtreibendem, virtuosen Tanz ausdrückt, verlegen-linkisch Abstand nehmen, um ihr schließlich Wasser und Handtuch reichen. Originell, wie sie damit gleichzeitig einen Schritt zurücktreten und auf ihre Tänzeridentität verweisen.

Wenn dann mit Pathos „ Die Hymne der heroischen, israelischen 7. Panzerbrigade“ erklingt und sich Levis Mund zu einem lautlosen Schrei formt, der das Gesicht allmählich zur Fratze verzerrt, hat der Krieg einen Ausdruck bekommen, wie man ihn besser kaum darstellen kann. Und wenn die Tänzer die gebrochene Frau anschließend auf ihre Körper betten, mit ihr über den Boden rollen oder sie mit ihren Rücken stützen, zeigt dies geradezu rührend die Fürsorge der Gemeinschaft. Sheinfeld und Laor haben es sich mit diesem politisch wie emotional packenden Thema wahrhaftig nicht leicht gemacht. Gerade das fasziniert.

 

23.09.2010 – Stefan Pieper: Ein stummer Aufschrei als subtile Rebellion

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23.09.2010 – Stefan Pieper
Ein stummer Aufschrei als subtile Rebellion

Israelisches Tanztheater „Big Mouth“ markiert Zustände im eigenen Land

In der Kolonne marschieren und dann ausbrechen. Sich in Gemeinschaft sicher fühlen, aber das eigene Ich verleugnen. Schließlich einen Aufschrei wagen, der stumm bleibt. So wie die Hauptfigur in „Big Mouth“ gegen die Idealisierung des Militärischen innerhalb der israelischen Gesellschaft unerhört aufbegehrt.

Die Bühne im Theater Pumpenhaus ist quadratisch . Zu dritt schreitet das israelische Trio bestehend aus Keren Levi, Niv Steinfeld und Oren Laor in zackigen Posen das Karee ab. Industrial Rhythmen verdichten das martialische. Zugleich suggeriert der angespannte Gesichtsausdruck ein hohes Maß an unfreiem Getriebensein. In kunstvoller Verwandlung leiten sich aus diesen Posen tänzerische Gesten und stilisierte Choreografien ab.  Schließlich – zum gespenstischen Höhepunkt dieser hochkonzentrierten gerade mal 30 Minuten – mündet die suggestive Körpersprache in eine Gesichts-Choreografie. Keren Levi öffnet langsam ihren Mund weit. Ganz weit! Leer ist ihr Blick und gleißend das kalte Licht. Dieser stumme, in seiner Schmerzverzerrtheit nicht zuletzt an Edvard Munchs berühmtes Gemälde erinnernde Aufschrei  lädt den Raum bis zum letzten Quadratzentimeter mit verstörender Energie auf. Der übermächtige Konformitätsdruck von außen bereitet die Apokalypse im Inneren unausweichlich vor – ließe sich zu aus dieser, für Darstellerin und Publikum gleichermaßen herausfordernden Extrem-Geste ableiten.

Sarkastisch wirkt die eingespielte Musik hierzu: Da erklingt ein in Israel sehr populärer Song über den Sieg der siebten Brigade – mit ihm wurde ihr Urheber, der Armee-Befehlshaber Avigdor Kahalani  zum populären Hit-Produzenten.

 

20.09.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Mütter werden zu Madonnen

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20.09.2010 – Gerold Marius Glajch für die Westfälischen Nachrichten
Mütter werden zu Madonnen

“Me&myMum” in neuer Besetzung

Tanztheater als Spiegelscherbenmosaik. Die zerbrechliche Architektur eines bittersüßen Themas wurde radikal zum Einsturz gebracht, um sie anschließend leichtfüßig ganz neu zusammenzusetzen. Jeder hat eine Mutter, Mädchen werden zu Müttern, Mütter werden zu Madonnen stilisiert. Tänzer und Regisseur Samir Akika widmete seine Produktion „Me&myMum“ dann auch beziehungsreich der „Übermutter des Tanztheaters“ Pina Bausch.

Bereits im März konnte das interessierte Publikum die Premiere von „Me&myMum“ im Pumpenhaus erleben. Der Unfall eines Darstellers zwang die Theatertruppe „Unusual Symptoms“, das Stück neu zu besetzen. Gleichzeitig wurde die Inszenierung neu überdacht. So wurde auf die Projektion der ins Stück integrierten Videos verzichtet, das Bühnenbild wurde in neue atmosphärische Zonen eingeteilt. Da „Me&myMum“ aber in großen Teilen aus improvisierten Elementen bestand, war eine Dynamik in der Entwicklung von Tanz, Spiel und Wort von Anfang an Konzept.

 Neue Darsteller erzählten neue Geschichten. Geblieben ist die sehr persönliche Ebene, auf der die Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Thema stattfand. Jeder einzelne der sieben tanzenden, singenden und musizierenden Darsteller konnte mindestens eine Geschichte erzählen, die er als typisch für den Charakter seiner Mutter empfand. So erinnerte sich ein Tänzer, mit dem Humor des zeitlichen Abstands, an seine von Hygiene besessene Mutter, die ihre Kinder als Schweine zu bezeichnen pflegte. Und auch die lebenslange Verfolgung durch eingeredete Schuldkomplexe kam zur Sprache: „Ihr Kinder seid schuld an meiner Krankheit!“

Mit Gertrud und Lotte Rudhart sah man zudem Mutter und Tochter auf der Bühne, die durch eine sehr realistisch wirkende Szene ein Paradebeispiel lieferten, für die abweichende Erinnerung von Mutter und Kind.

„Beim ersten Mal Stillen habe ich mich gefühlt wie eine Kuh“, rief Alexandra Morales ins Publikum. Dabei hielt sie eines der drei Kinder auf dem Arm, die während der gesamten Vorstellung das Bühnenbild als Spielplatz nutzten. Immer wieder verwandelte sich die nach Erbsensuppe riechende, Familienseligkeit ins Gegenteil. Eine Discoszene diente als Symbol für erste Fluchten zahlreicher Jugendlicher aus der heimischen Idylle. Auf unverarbeitete Aggressionen gegen die mütterliche Dominanz deutete eine Szene hin, in der ein Tänzer seine maskenhaft dargestellte „Mama“ durch die Kulisse jagte.

Die Spielfreude des Ensembles honorierten die Zuschauer nach gut zwei Stunden mit kräftigem Applaus.

 

19.09.2010 – Peter Sauer / Münstersche Zeitung: Interview mit Nathalie Licard: Es muss prieckölnnn!

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19.09.2010 – Peter Sauer für die Münstersche Zeitung
Interview mit Nathalie Licard: Es muss prieckölnnn!

Sie kündigt die „Arald Schmidt Show“ an und lässt es „prieckölnnn“ im Bauchnabel. Ob als Mitarbeiterin bei der Late Night Show mit Harald Schmidt oder als Sprecherin einer Bierreklame: Der französische Akzent von Nathalie Licard lässt Männerherzen höher schlagen. Am 26. September (Sonntag) ist die Französin in der Adam Riese Show im Theater im Pumpenhaus zur Gast.

Warum kamen Sie nach Deutschland?Ich hatte mich in einen Typen einer Plattenfirma verliebt. Doch als ich in Köln angekommen war, verflog die Liebe schnell. Aber nun wollte ich Deutschland kennen lernen.

Konnten Sie denn Deutsch?Gar nicht. Die ersten Tage waren Katastrophe pur: keine 20 Wörter Deutsch. Die Deklination ist für mich unzumutbar. Verstehe ich nicht, dass man sagt „Das Mädchen“ – so wie ein Neutrum. Im Showbusiness hatte ich mit meinem Sprachniveau eine Chance, woanders hätte ich es nicht geschafft. Aber isch abe süperviel Spaß ier.

Eines ihrer deutschen Lieblingswörter ist „Schlompäh“ (Schlampe). Warum?Das Wort Schlampe hat für französische Ohren ein schönes Klanggewicht, eine schöne Bewegung, es klingt süß.

Sie fingen 1997 bei Harald Schmidt als Praktikantin an. Wie viel Kaffee mussten Sie kochen?Nicht so viel. Arald ließ mich erst Möbel aufbauen und platzierte mich später ausgerechnet in der Telefonzentrale, haha.

Was war Ihr größter Fauxpas?Günther Jauch rief an, wollte fünf Karten bestellen. Ich kannte den nicht, erwiderte erbost: Monsieur, was stellen Sie sich vor? Fünf Karten so kurz vor der Show, das geht nicht!

Wie war das denn nun mit dieser prickelnden Weizenbier-Reklame?Die habe ich nur am Anfang gesprochen, weil die Sponsor der Show waren. Später haben die meine Stimme gegen irgendeine Pariser Hausfrau ausgetauscht.

In Frankreich hatten Sie Literatur studiert, Problemkinder betreut und ein Tonstudio …Jaja, wir produzierten New Age Musik, doch es ging alles schief – merde!

Warum brachte Ihnen dann ein Teppichboden berufliches Glück?„Schade, dass es keinen Teppichboden gibt“ hieß eine Radiocomedy, bei der ich mitmachte. Die Redewendung bedeutet: Schade, dass es keinen Teppichboden gibt, sonst würde ich mich auf ihn rollen vor lachen. Als ich ein Sexualhoroskop präsentierte, rügte mich meine Mutter: „Wegen dir kann ich nicht auf den Markt gehen. Alle sagen: Ihre Tochter, o là là !“

Bei Harald Schmidt arbeiten Sie nicht mehr. Warum?Nach zehn Jahren wollte ich was Neues zu machen. Ich bin jetzt Mitglied im Rateteam der Sendung „Dings vom Dach“. Mit Arald habe ich eine gute Freundschaft.

Was gefällt Ihnen an Münster?Es ist ein tolles Fahrradparadies. Ich habe nämlich kein Auto. Fahrradanhänger und Radwege, das gibt’s in Frankreich nicht. Ich bin neugierig auf Münster. Und ich liebe den Käse „Le Petit Münster“.

Den was?Haha. Der Münsterkäse kommt aus Münster, französisch Munster, im Münstertal in den Vogesen. Er wurde von den Benediktinermönchen erfunden und schmeckt prima.

ZUR SACHE Karten für die Adam Riese Show zu 15, ermäßigt 9 Euro, gibt es im Theater im Pumpenhaus, Gartenstraße 123, Tel. (0251) 23 34 43. Showgäste bei Adam Riese sind neben Nathalie Licard Hans-Martin Stier und Romy Camerun. Termin: Sonntag, 26. September, 19 Uhr.

 

18.09.2010 – Carsten Vogel / Westfälischen Nachrichten: Tanztheater im Pumpenhaus – Butoh, Breakdance und Blutleere

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18.09.2010 – Carsten Vogel für die Westfälischen Nachrichten
Tanztheater im Pumpenhaus – Butoh, Breakdance und Blutleere

Viel gegensätzlicher kann ein Tanztheater-Abend kaum verlaufen. Das Pumpenhaus präsentierte am vergangenen Mittwoch- und Donnerstagabend die Premieren von zwei sehr unterschiedlichen japanischen Tanzproduktionen. Den Abend eröffnete jeweils Kentaro!! (die zwei Ausrufezeichen gehören zum Namen), bevor dann Choreograf Kakuya Ohashi mit seinem Stück „Tokyo Story“ Fragezeichen aufwarf.

Beide Produktionen arbeiten mit Elementen des Butoh, einer japanische Form des Tanztheaters. Kentaro!! startet mit Verve und Vehemenz seine Aufführung. Popmusik dröhnt aus den Boxen, und wie ein Gummimensch bietet der junge Japaner eine Mischung aus Butoh, Breakdance und Pantomime: Tradition trifft auf moderne Tanztechnik. Zwischendurch erzählt er den – ob seiner Bewegungen – begeisterten Zuschauern, dass er Humor sehr schätze, manchmal aber auch nicht. Genau dieser Spagat ist Ausdruck seiner Choreografie für „From far away, the one in the world“. Aber auch eine gehörigen Portion Leidenschaft.

Die Entdeckung der Langsamkeit im Ausdruckstanz obliegt im Anschluss den Tänzern des Ensembles von Kakuya Ohashi. Auf der kargen, von Neonlicht kalt beleuchteten Bühne winden sich die drei Tänzerinnen und zwei Tänzer. Langsame Bewegungsabläufe verdeutlichen in „Tokyo Story“ die Formen des Individualismus, der heutige Großstädte nährt. Vom Tonband erklingen dazu unablässig Straßen- und U-Bahn-Geräusche, in die sich gelegentlich klassische Instrumente flüchten.

Vielleicht lag es am Gegensatz zum poppig anmutenden Kentaro!!. Vielleicht war es auch die bewusst dargestellte Blutleere in ihrer Form des Butohs (zu deutsch auch „Tanz der Finsternis“), die das Publikum nicht in ihren Bann zu ziehen vermochte.

Dementsprechend unterschiedlich fiel die Reaktion der Zuschauer am Donnerstag im gut gefüllten Pumpenhauses auf die Darbietungen aus: frenetisch im ersten Teil, fast frostig am Ende des zweiten.

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Schnieders Rückblick auf das Festival beginnt allerdings mit einer kleinen „Katastrophe“: Am 17. April, als das „Birdwatcher Breakfast“ das Festival eröffnen sollte, brach eine Stunde vor Beginn der Transporter zusammen, der das Frühstück in die Rieselfelder schaffen sollte. Ohne die Hilfe eines zufällig vorbeifahrenden Transportfahrers wäre der erste Programmpunkt des Festivals wohl ins Wasser gefallen.

Immerhin 241 Künstler aus 14 Ländern waren an den 73 Festival-Veranstaltungen beteiligt. Zu sehen waren bis Mitte Juni Gruppen aus Münster wie RedArt, Titanick oder Cactus Junges Theater, aber auch Produktionen aus New York und Tokyo. Bei der Auswahl der Gastspiele schaute das Pumpenhaus, so Schnieder, nicht auf Genres, sondern auf Qualität. Dadurch waren unter den 15.000 Zuschauern auch Neulinge, die das Pumpenhaus sonst eher nicht erreicht, wie Schnieder erklärte.

Im Juni 2009 hatte der Theaterleiter nach eigenen Worten das Festival aus Geldmangel schon für sich abgeschrieben, aber die fehlenden 60.000 Euro vom Land NRW wurden dem Projekt schließlich doch noch zugesprochen – eine Woche vor Weihnachten. Für die Planung der viel gelobten Veranstaltungsreihe blieben somit keine vier Monate.

„,Statements ist ein Festival, das die Messlatte sehr hoch setzt“, sagte Schnieder mit Blick auf die Qualität und Intensität des Gebotenen. „Das ,Kulturgebiet Münster 2010 hat dagegen den Sexappeal einer aufgeblasenen Exceltabelle“, lautet Schnieders Seitenhieb auf andere Festivals dieser Größenordnung.

Ob ein Tanz- und Theaterprojekt wie „Statements“ in absehbarer Zeit wiederholt werden kann? „Nein“, sagt Schnieder. Denn durch Regelmäßigkeit gehe das Spezielle verloren.