12.03.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: Wilder Tanz in den Tod

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12.03.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Wilder Tanz in den Tod

Münster. Als Igor Strawinskys Stück „Le Sacre du Printemps“ 1913 in Paris uraufgeführt wurde, kam es zu Tumulten. Das Publikum war auf die expressionistische Wucht der Musik nicht vorbereitet und reagierte mit Unverständnis.
Spöttisch wurde das Wort „Sacre“ (Weihe, Salbung) zum „Massacre“ verballhornt. In gewissem Sinn hatte man damit nicht ganz Unrecht. Schließlich geht es in dem Ballett um ein heidnisches Ritual, das für die Jungfrau, die dem Frühlingsgott geopfert wird, tödlich endet.
Diesen Ritualcharakter betont der Kanadier Daniel Léveillé in seiner bahnbrechenden, 1981 entstandenen Choreografie, die am Wochenende in Münsters Pumpenhaus gezeigt wurde. Die Musik kommt aus den Lautsprechern, und das Personal ist auf vier Tänzer reduziert, die mit ihren grauen Hosen und nackten Oberkörpern auf den ersten Blick wie Arbeiter auf einer Baustelle wirken.
Archaische Kraft
Sanft kreisen sie zur lyrischen Einleitung über die Bühne, bis sie von den Vorboten des Frühling in einen expressiven, maschinenhaften Rhythmus getrieben werden. Ihren Bewegungen wohnt eine archaische Kraft inne, die sie zu einer perfekten Einheit mit der Musik verschmelzen lässt.
Die Erde wecken
Mit den Tönen geraten sie ins Taumeln, werden erneut von einer rhythmischen Lawine erfasst und stampfen mit nackten Füßen der noch im Winterschlaf liegenden Erde den aufrührerischen Takt heidnischer Gottheiten ein. Kurze, ballerinahafte Posen deuten den Tanz der Jungfrauen an, der sich schließlich mit wilden Akkorden zur Ekstase des Todes steigert.
Eingeleitet wurde der Abend mit der „Demonstration No. I“ von Martin Belangér. Der kanadische Tänzer und setzte die Gedanken eines Menschen unterhaltsam in körperliche Bewegung um. In Léveillés anschließendem „Les Traces No. II“ verwandelte sich die Tänzerin Louis Bédard in eine menschliche Maschine kurz vor der Selbstzerstörung. Abwenden konnte sie die Katastrophe, indem sie als „Girl From Ipanema“ über die Bühne watschelte.

10.03.2008 – Schamlos, nicht verrückt / Uschi Körfer in der GIG

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10.03.2008 – Schamlos, nicht verrückt
Uschi Körfer in der GIG, März 2008

Kisten ohne Aufschrift – ein hysterisches Zirpen von MAKE im Pumpenhaus

Ein ungewöhnliches Duett. Eine Frau lacht, lacht mit jeder Faser ihres Körpers und ansteckend. Eine andere Frau antwortet ihr, in einem anderen Universum, mit Trommelwirbeln ihrer blanken Fußsohlen auf dem Boden. Die lachende Frau ruft: „Ich will nicht lachen! Ich will nicht!“ Aber ihre formulierte Gegenwehr hat kaum die Kraft durch die Konvulsionen ihres herzlichen, qualfreien Lachens durchzudringen.
Regisseur Manfred Kerklau, der sich, um sie zu öffnen, Themen gern von vielen Seiten nähert, bringt mit der großartigen Choreografien und Tänzerin Tamami Maemura und mit der umwerfenden Schauspielerin Gabriele Brüning außergewöhnlich ergreifendes, poetisches und anrührendes Tanztheater ins Pumpenhaus. Ausgehend von – im konkretesten Sinne – alten Klischees, nämlich den Geschichte machenden Hysteriebildern des Dr. Charcot der Pariser Salpêtrière, schaffen die drei ein schleierleichtes Gewebe von Text, Raum und Bewegung, das von allen Begriffen, Bezeichnungen, Gewissheiten, allem Wissen befreit ist – daher die „Kisten ohne Aufschrift“. Das Zirpen – die zwischen Insekten- und Maschinenklängen, sphärischen Störungen, sanftem Pizzicatowalzer und melancholischem Piano oszillierende Live-Musik – wird kongenial von Kai Niggemann beigesteuert. Maemura und Brüning befinden sich im ständigen Dialog, antworten auf Tanz und Bewegung, Regungslosigkeit und Stille, getrennt durch eine zarte Gazehaut in der Mitte der Bühne, einen Reichtum von Assoziationen, Gefühlen und Erinnerungen freisetzend. Tamami Maemuras Tanz ist ausdrucksstark, schlicht, intim und kristallklar; sie wischt den Gilb von den „hysterischen Klischees“ und legt darunter eine zarte Welt frei. Mit atemberaubendem Timing und sekundenschnellen Stimmungs- und Tonwechseln lässt Gabriele Brüning eine endlose Zahl von Frauentypen aufscheinen.  Die Kisten bleiben am Ende selbst ohne die Aufschrift „Frau“: Was bleibt, ist eine Herzen, Augen, und Ohren öffnende Universalerfahrung dessen, was es bedeutet ein fühlendes Wesen in einer verrückten Welt zu sein.
Aufführungen:  Fr. 29. Februar, Sa. 1. + So 2. März
Fr. 14, Sa. 15. So. 16. März, jeweils 20.00 Uhr

12.03.2008 – Nils Küper in www.echo-muenster.de: „Die Zoogeschichte“: Außenseiter trifft Biedermann

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12.03.2008 – Nils Küper in www.echo-muenster.de
„Die Zoogeschichte“: Außenseiter trifft Biedermann

 

Unerträgliche Spannung

Der Inhalt: An einem sonnigen Nachmittag sitzt der Familienvater Peter (Pitt Hartmann), ein gut situierter, angepasster Bürger des Mittelstandes aus der New Yorker Eastside, auf seiner Lieblingsbank im Central Park und möchte in Ruhe lesen. Da erscheint der lebensmüde Jerry (Andreas Ladwig), ein Außenseiter aus der heruntergekommenen Westside, und verwickelt Peter nach und nach in seine persönliche Lebensgeschichte. Dem Zuschauer offenbart sich, dass Jerry einerseits kontaktgestört zu sein scheint, dass aber andererseits sein persönliches Scheitern in dieser Welt eine unverhohlene Klarheit zum Vorschein bringt, die Peter schockiert. Die fast unerträgliche Spannung des Stückes setzt mit dem Erscheinen Jerrys ein und endet – als alles zu spät ist -mit einer Katastrophe. Details möchte Ladwig, der an der Hochschule für Musik in Münster studierte, nicht preisgeben, aber Eines verrät er doch: „Am Ende stirbt jemand – aber es ist kein Mord.

„Der beste Einakter, den ich je gesehen habe”

1958 verfasste der damals 30-jährige Albee in nur drei Wochen diesen Thriller, mit dem er den Aufstieg in den Kreis der bekannten Theaterautoren schaffte. Der Amerikaner wurde unmittelbar nach seiner Geburt in Washington D.C. von einem sehr wohlhabenden Theaterbesitzer adoptiert, kapselte sich jedoch früh von seinen Adoptiveltern ab und zog daraufhin im Alter von 20 Jahren nach New York, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. So erschließt sich einem auch Albees Sicht der Dinge im Hinblick auf die Uraufführung, die im September 1959 nicht in seiner amerikanischen Heimat, sondern im Berliner Schillertheater stattfand: „Einen Monat zuvor hatte ich noch Telegramme für Western Union verschickt, und hier stand ich nun in Berlin mit einem überaus erfolgreichen Stück in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich war nicht länger ein Western Union Vertreter. Ich war ein Theaterautor.“ Auch sein Landsmann Norman Mailer, ein Schriftsteller, zeigte sich überwältigt, nachdem er die Premiere des Stückes in New York gesehen hatte: „Das ist der beste Einakter, den ich je gesehen habe.“

„Die Basissituation ist völlig alltäglich“

„Albees Werke werden häufig dem absurden Theater zugeschrieben. Das ist jedoch nicht zutreffend. Ich würde seine Werke eher dem überhöhten Naturalismus zuordnen“, sagt Ladwig. In der Tat gewinnt man nicht den Eindruck, dass die Szenerie dieses Werkes aus der Realität herausgelöst wurde. „Die Basissituation ist völlig alltäglich. Da treffen zwei unterschiedliche Lebenskonzepte aufeinander“, so der gebürtige Cuxhavener, „und das Alltägliche ist dabei mindestens genauso wichtig wie die Katharsis, die der Zuschauer erfährt“. „Die Zoogeschichte“, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert, erzählt auch vom Kampf um ein Territorium, das Peter gegen den umherschweifenden Nomaden Jerry verteidigen muss, sowie von der Isolation und Gefangenschaft der beiden Akteure.

Offenheit in alle Richtungen

„Das Stück ist in mehrere Richtungen offen“, will Ladwig sich nicht auf eine einseitige Interpretation festlegen. „Aber multiple Assoziationen sind auf jeden Fall erwünscht.“ So lässt sich die Geschichte als Kritik an Gleichgültigkeit und Selbstgefälligkeit in der Gesellschaft verstehen, aber auch die Fokussierung auf die „Begegnung zweier typischer Männerkonzepte“ (Ladwig) ist nicht von der Hand zu weisen und findet seine Rechtfertigung.

Highlight am Ostersonntag

Um dem Zuschauer das besondere Flair der Metropole New York näher zu bringen, hat sich das Duo etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Der Eingang in den Vorführraum im Keller ist einem Subway-Entree nachempfunden. Ein weiteres Highlight ist das Gastspiel im Rahmen der Fotoausstellung „New York XL“ von Thomas Niessen im alten Güterbahnhof am Ostersonntag (Einlass um 14.30 Uhr). „Die dort ausgestellten Bilder sind unglaublich schön und intensiv“, schwärmt Ludwig. „Da es deutliche Parallelen zwischen der Ausstellung und unserer Inszenierung gibt, ist diese Kulisse für unser Stück wie geschaffen“, freuen sich Hartmann und Ladwig. Die Premiere findet am kommenden Mittwoch (19. März) um 20 Uhr im Theater im Pumpenhaus statt.

Nils Küper

Weitere Aufführungen: 20., 21., 22., 24., 26., 27. und 28. März (jeweils um 20 Uhr) und am 25. März um 14.30 Uhr im alten Güterbahnhof (Hafenstraße 64).

Nils Küper

10.03.2008 – Isbell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Isolation und Wiederholung

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10.03.2008 – Isbell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Isolation und Wiederholung

Münster. Martin Bélanger steht auf der Bühne und beschreibt seine Arbeitsweise als Choreograf: Wie den Zeiger einer Uhr lässt er seine Hand hin- und herticken, der Kopf macht die Bewegung mit, setzt aus und wieder ein. Es geht um einfache, isolierte Bewegungen, die sich aneinander reihen. Bélanger hält sich die Augen zu; der Tanz soll von Innen kommen, ohne der skeptischen Prüfung durch das eigene Spiegelbild ausgesetzt zu sein. Der Tänzer kriecht über den Boden, sucht mit den Augen nach einem Punkt, windet sich. Authentizität bedeutet hier gebrochen und klein zu sein.

„Demonstration No.I“ ist der Titel des Stücks mit dem die kanadischen Tänzer und Choreografen Daniel Léveillé und Martin Bélanger ihr dreiteiliges Gastspiel im Theater im Pumpenhaus eröffneten. Isolation und Wiederholung scheint Programm zu sein, denn auch Louise Bédard zeigt in „Les traces No. II“, einer Choreografie von Daniel Léveillé, immer wieder dasselbe. Mit zuckendem Oberkörper, bebenden Händen und fliegenden Haaren hockt die Tänzerin vor einer nackten Neonröhre und ist wie von Stromschlägen gepeinigt. Dabei lässt sich weder inhaltlich ein Sinnzusammenhang ausmachen, noch tut sich eine besondere Ästhetik auf in diesem Stück, das zunächst ohne Musik auskommt. Dass Léveillé die Tänzerin schließlich wie aufgezogen auf Zehenspitzen durch den Raum trippeln lässt, verleiht der Choreografie immerhin eine gewisse Ironie, die sich jedoch durch quälende Wiederholung schnell wieder abschwächt.

Eine Wohltat dagegen die dritte und letzte Produktion des Abends, „Le sacre du printemps“. Daniel Léveillé interpretiert den Klassiker auf seine Art, indem er die Struktur der Musik durch Bewegung wirkungsvoll unterstreicht. Vier Tänzer stampfen Stravinskys Takt gewaltsam in den Boden, setzen Akzente durch kleine Sprünge und Drehungen. Inhaltlich wird das archaische Frühlingsopfer nur angedeutet, etwa, wenn die Tänzer wiederholt zu einer unsichtbaren Gottheit gen Himmel blicken, wenn sie sich mit der bloßen Hand imaginäre Nahrung in den Mund schaufeln oder ihre rituellen Kreise ziehen. Wiederholung und zwanghafte Mechanismen lassen sich jedoch hier mit Bedeutung füllen und gehören vor allem musikalisch zum Wesen dieser spannenden Choreografie.

03.03.2008 – Gerhard Heinrich Kock in den Westfälischen Nachrichten: Hysterie – extreme Spannung weiß nicht wohin

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03.03.2008 – Gerhard Heinrich Kock in den Westfälischen Nachrichten
Hysterie – extreme Spannung weiß nicht wohin

Münster. Sie bleibt ein Rätsel. Und darf es bleiben. Die Hysterie. Auch Manfred Kerklau trägt in der neusten Produktion seines Theaters „Make“ nichts Definitives dazu bei. Zum Glück. Denn auf diese Weise verbreitet sein Poem „Kisten ohne Aufschrift“ jenes „hysterische Zirpen“, das die Atmosphäre der Inszenierung treffend beschreibt. Eines allerdings ist am Ende der lyrisch dichten Stunde klar: Mit dem Begriff Krankheit ist der Hysterie nicht beizukommen.
Insofern will dieses Körper-Geist-Drama wohl auch eine jahrtausendealte Männer-Schublade zertrümmern, Freuds Couch wird umgeworfen. Denn das Hysterische bildet in Texten und Tänzen keine Deformation ab, sondern verkörpert eine extreme Spannung, die nicht weiß wohin, die eine Form finden möchte und nicht kann.

Die Inszenierung findet für das Problem und die Schönheit von Widerspruch und Identität passende Bilder. Allen voran die beiden Protagonisten, die Großartiges leisten. Tänzerin Tamami Maemura gestaltet Euphorie und Suizid in kurzer Taktfolge, ohne dabei der Versuchung des Klischees zu erliegen. Sie findet eine erstaunliche Vielfalt hysterischer Mimiken, Gesten und Bewegungen. Die gleiche Bandbreite und Differenz verkörpert auch Gabriele Brüning in ihrem Schauspiel, sie macht sich die Texte zu eigen ob von Schnitzler oder Pessoa. Sorgsam gesprochene Sätze wie „Ganz armselig sind wir organisiert, so ohne Flügel“ oder „Ich lebe ein Leben, wo ich gar nicht dabei bin“ legen das Phänomen Hysterie dicht an jede „normale“ sensible Seele.
Nächste Vorstellungen: 14. bis 16. März um 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten gibt es im WN-Ticket-Shop unter 69 05 93.

02.03.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung Hysterie-Theater: Flügelbruch der Fantasie

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02.03.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Hysterie-Theater: Flügelbruch der Fantasie

Münster. „Lebte ich 300 Jahre früher, ich würde denken, ich wäre besessen“. Das sagt sie zweimal, einmal am Anfang, einmal gegen Ende des Stücks.
Dazwischen beschreibt sie ihre Zustände, die mit Angst, Überdruss, ungezügeltem sexuellen Verlangen und drohendem Identitätsverlust zu tun haben. Als unbedarfter Beobachter würde man, was Gabriele Brüning hier in Münsters Theater im Pumpenhaus aufführt, als überspannt bezeichnen. Die Medizin hat dafür einen – durchaus umstrittenen – Fachausdruck: Hysterie.
Es ist ein Niemandsland der Befindlichkeit, in das Regisseur Manfred Kerklau mit seinem Tanztheater „Kisten ohne Aufschrift“ des Theater labels „MA-KE“ vordringt. Ein Land, in dem es keine Gewissheiten mehr gibt und in dem der Mensch unvermittelt von einem Zustand in den anderen fällt. Inspiriert von Jean Martin Charcots (1875-1878) Bilderserie von Hysterie-Patientinnen der Pariser Salpêtrière, ist eine Collage aus Schauspiel, Tanz und Musik entstanden, die in ihrer Fremdartigkeit ebenso schön wie beklemmend wirkt.
“Fliegen will ich”
Texte von Arthur Schnitzler, Emily Dickinson, Anais Nin, Sigmund Freud und anderen bilden die Grundlage für die zahlreichen Frauentypen, die Brüning mit ihrem ausdrucksstarken Spiel auf die Bühne bringt. Korrespondierend dazu setzt die japanische Tänzerin Tamami Maemura das gesprochene Wort in Bewegung um. „Fliegen will ich“, seufzt die eine. Schon verwandelt sich die andere in ein aufgeregtes Flatterwesen, das sich voll Euphorie in die Lüfte zu schwingen versucht. Doch die Wirklichkeit bricht der Fantasie die Flügel. Wie ein gefällter Baum kippt die Tänzerin auf die Bühne.
Das Faszinierende an der Inszenierung ist die Unmittelbarkeit, mit der die beiden Frauen aufeinander reagieren. Text und Tanz sind sensibel aufeinander abgestimmt und werden so zu verschiedenen Manifestationen desselben psychischen Konflikts. Zusätzliche Einheit schafft Kai Niggemann mit seinem aus elektronischem Flirren und Zirpen erzeugten Klangraum. Umso einleuchtender die Unterzeile des Stücks: „Ein hysterisches Zirpen“.

Weitere Vorstellungen: 14. bis 16. März um 20 Uhr im Theater im Pumpenhaus, Gartenstraße 123.

18.02.2008 – Elisabeth Elling im Westfälischen Anzeiger: Die Scheiterer

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18.02.2008 – Elisabeth Elling im Westfälischen Anzeiger
Die Scheiterer

Alle hätten so weitergemacht: Sonja mit ihrem Onkel Wanja auf dem Gut malocht und heimlich Astrow angehimmelt, den Arzt. Ihre Großmutter hätte sich vornehm zurückgehalten, der verarmte Ilja sich pausenlos am Samowar mit Tee bedient, der ist ja umsonst. Aber Besuch ist da: Sonjas Vater, der alte Kunstprofessor, mit seiner zweiten schönen jungen Frau. Damit hat das Drama begonnen, werden enttäuschte Lebenserwartungen aufgeworfen.

Wie jeder für sich das Scheitern bewältigt, darauf konzentrieren die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein Anton Tschechows “Onkel Wanja”. Mit diesem Blickwinkel bleiben die “Szenen aus dem Landleben” melancholisch und nüchtern, auch wenn die Verzweiflungen sich manchmal verselbstständigen. Die Premiere ihres Theaters T1 (Berlin/Münster), mit dem Lensing und Hein in der freien Szene erfolgreich sind, beschert Münster eine großartige Produktion. Und einen rauschenden Erfolg.

Sie bringen große Schauspieler ins Pumpenhaus: unter anderem Josef Ostendorf (Wanja), Ursina Lardi (Elena, die Frau des Professors) und als Astrow Devid Striesow (“Yella”, “Die Fälscher”, “Bella Block”). Der wendet das Textmaterial in Comedykaspereien, norddeutschen Schnack und verprollte Hochsprache: “Das Leben verachte ich aus tiefstem Herzen, ey.” Sein Astrow kokettiert mit seiner Versagerhaltung ebenso wie mit seiner Nacktheit, wenn er sich mit Wanja besäuft. Striesow improvisiert, torkelt, daddelt, schnaubt und pumpt die Figur so prall auf, dass dann Astrows Verlegenheiten bestürzen: Wenn er Elena seine Waldschutz-Aktivitäten erklärt und seine Liebe, verklemmt er sich in seinen ernsten Absichten.

Striesow dominiert das sagenhafte Ensemble mit seiner Präsenz keineswegs, auch nicht Josef Ostendorfs traurigeren, leiseren Wanja, der sich als lächerliche Figur erkennt. Sein Dasein ist ihm entwertet, als er den Professor, den er verehrte und für den er das Gut betreibt, als Dummkopf durchschaut. Er zielt auf ihn mit dem Revolver, aber: “Schon wieder daneben.”

Mit Elena, in die er verliebt ist, verkrampft er sich in einem Annäherungsversuch, dann trinken die beiden zusammen und besudeln sich mit Rotwein, als markierten sie sich für die gleiche Dummheit: “Ich habe ihn geliebt”, heult Elena über ihren Mann, den eingebildeten Kranken (Rik van Uffelen). Ursina Lardi schlufft mit hängenden Schultern hinter dem Professor her, selbst für ein Gefühl von Überdruss zu gelangweilt. Das Interesse Wanjas und Astrows richtet sie zwar ein wenig auf, aber sie wird nichts wagen. Das zeigt Lardi in jeder Äußerung: Elena will nur spielen, vielleicht.

Sehr jung gibt Ursula Rennecke Sonja, die Tochter des Professors aus erster Ehe. Sie sucht Schutz in Arbeitskleidung (Kostüme: Anette Gunther) und burschikosen Gesten, wenn sie Käse vom Messer isst. Gegen die Enttäuschung, dass Astrow sie nicht liebt, panzert sie sich mit frommen Formeln und der freundlosen Routine. Denn ein Idyll ist dieses Landleben nicht: Nur der Industrieraum des Pumpenhauses (1901) bewahrt Reste repräsentativer Architektur; Bühnenbildnerin Hannah Landes stellt vor die originale brusthohe Holzvertäfelung schäbige Bürostühle und Resopaltische.

18.02.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung: Theater T1 inszeniert grandiosen „Onkel Wanja

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18.02.2008 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Theater T1 inszeniert grandiosen „Onkel Wanja“ im Pumpenhaus

Diese Bühne ist ein Schlachtfeld. Herzen werden hier zerfetzt, Ideale, Liebe, billige Strümpfe. Sehnsucht, Gefühle, sogar die letzte Hoffnung werden ertränkt in Rotwein und Wodka. Literweise. Diese Bühne ist hässlich, eklig und stinkt nach Fusel. Und es wäre eine Schande, sie sich nicht anzusehen.

Denn in diesem Sumpf aus Zerstörung und Tristesse wühlen sich die neun Schauspieler des Theaters T1 durch Anton Tschechows „Onkel Wanja“, als gelte es, ihre eigene Seele zu retten. So viel Überzeugungskraft, so viel böses, lakonisches Sprechtheater, das Desinteresse am Text vorgaukelt, um die Figuren umso härter herauszuschälen: Das hat man in Münster lange nicht gesehen. Ein hervorragendes Ensemble, das dreieinhalb Stunden lang das Theater im Pumpenhaus zum Sirren bringt. Begeisterter Applaus, Standing Ovation.

Und das nicht nur, weil Devid Striesow als Arzt Astrow blank gezogen hat. Weil er nackt, rotzig, rauchend und hackenstramm komplett aus der Rolle fällt, improvisiert zum Steinerweichen, Anspielungen auf Münsters Spießigkeit macht, ein überlegenes Macho-Schwein mimt, eine Rampensau. Ja, diese One-Man-Show allein ist es schon wert, sich das Stück anzuschauen.

Aber das ist es eben nicht nur. Das Stück begeistert vor allem, weil das Regie-Duo Thorsten Lensing und Jan Hein es schafft, den richtigen Rhythmus für die dreieinhalb Stunden zu finden. Den richtigen Rhythmus für Tschechow zu finden. Sie lassen schwanken zwischen brüllender Komik und brüllender Verzweiflung, leisem Nichts und lautem Alles, leisem Alles, lautem Nichts.

Striesow ist ein paar Minuten später wieder klein und armselig. Er weint sich an Onkel Wanjas Schulter aus. Weil er Elena (Ursina Lardi) liebt, und es nicht schafft, sie von ihrem alten hustenden Molch-Gatten (Rik van Uffelen) loszueisen. Und seine Tochter Sonja (Ursula Rennecke) hat das gleiche Problem mit dem Arzt: Sie liebt ihn heiß, doch hoffnungslos. Denn er weiß davon nichts. Schlimmer noch: Als er es weiß, ist es ihm egal. Nur eine der vielen Gemeinheiten des Stückes.

Onkel Wanja (großartig: Josef Ostendorf) vereint all diese Nicht-Leidenschaften und Leidenschaften in sich. Er ist die traurigste aller traurigen Figuren in diesem Spiel. Alles Männer und Frauen ohne Eigenschaften.

Es scheint, als sei diese Inszenierung ein Spiegelbild des heutigen Russlands: zerrissen, oberflächlich, auf der Suche nach einer Identität, die längst zerflossen ist, die nur noch traurige Pfützen bildet, so wie der Rotwein, dessen Pfützen zum Schluss der Inszenierung hässlich übrig bleiben. Und sie werden nicht weggehen, die Flecken, diese hässlichen Flecken der Hoffnungslosigkeit.

Termine: 22., 23., 24. 2., 20 Uhr, Pumpenhaus. Karten: (0251) 592-5252.

18.02.2008 – Andreas Wilink in WDR 3, Mosaik: Tschechows „Onkel Wanja“

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18.02.2008 – Andreas Wilink in WDR 3, Mosaik am 18.02.08
Tschechows „Onkel Wanja“ im „Pumpenhaus“ Münster

Das ist nicht die feine russische Art. Das ist nicht der elegische, melancholische Kammerton, mit dem Tschechow gern inszeniert und mit dessen Hilfe seine Birkenwäldchen-Atmosphäre gewissermaßen sprachlich übersetzt wird. Dieser Tschechow von Thorsten Lensing &  Jan Hein und ihrem Theater T 1 ist radikal anders. Ungemütlich und unmanierlich.

In „Onkel Wanja“ gibt es den Provinz-Arzt, Landmenschen und Städter, die begehrte Frau und die unglücklich Liebende, die Zu-Kurz-Gekommenen und den Erfolgsverwöhnten – einen Literaturprofessor. Die vier Akte erzählen, wie jedes Drama Tschechows, von allem und nichts und davon, wie Zeit verfließt, wie sie sich dehnt und verkürzt. 

Auf der von Hannah Landes eingerichteten und kahl belassenen Bühne im Pumpenhaus Münster findet sich zwar ein Samowar, aber er wärmt kein Gemüt. Ein paar Stühle stehen herum: Sie werden umgeworfen, weggetreten und als Geschosse benutzt. Auch wird viel getrunken. Der Rotwein, der in Strömen fließt und mit dem sich die Figuren selbst und gegenseitig besudeln, bleibt wie Blutflecken auf ihnen und ihren Kleidern. Eine Schaukel ist auch aufgehängt. Die von den Männern umworbene Elena, die zweite junge Frau des alten kranken Professors Alexander, schwingt sich auf ihr weit und hoch hinaus, als wolle sie der Erdenschwere entfliehen und den Kontakt zu diesem Haus und ihrem Leben verlieren.  

Es ist ein brutalisierter Tschechow, exakt gelesen und ausbuchstabiert. Für seine reduzierte Genauigkeit ist Lensing, der seit den 90er Jahren Regie führt, bekannt: einfache Theatermittel, ein schlichter Bühnenraum, klare Sprache. Mehr braucht es nicht. So fein Tschechows Dramenstoffe gewirkt sind, so robust sind sie auch. Und so dehnbar. Ich wüsste keine Tschechow-Inszenierung, die die Vernichtung und das Zerstörerische so ernst genommen hätte, wie Lensing, Hein und ihr Ensemble: dass das Leben sowieso dumm, langweilig und dreckig ist und dass einige Menschen in anderen Menschen nichts als eine schreckliche Verwüstung anrichten. Sie tun sich Gewalt an, seelisch sowieso, aber hier auch körperlich. 

Von Beginn an herrscht Gereiztheit, Aggressivität und Schärfe vor, die zunächst von Wanja ausgeht, der seit 25 Jahren das Gut seines ehemaligen Schwagers, der berühmten Professoren-Exzellenz, gemeinsam mit dessen Tochter Sonja aus erster Ehe verwaltet. Beide fristen dabei aufs Kärglichste ihr Leben. Josef Ostendorf, der sanfte Koloss, ist als Wanja nicht der gute Onkel, sondern ein bitterer, böser, frustrierter Mensch. Eifersucht und Banalität des Daseins verzerren sein Lächeln noch zur Grimasse. 

Das geheime Zentrum des Stücks – und der Aufführung – bildet der Arzt Astrow. Devid Striesow spielt beklemmend und betörend virtuos den totalen Ego-Shooter: hibbelig und kribbelig, kaum zu bändigen in seiner Energie, Unrast und exzentrischen Spiellust. Er qualmt nervös, kaspert, kokettiert, klampft auf der Gitarre, twistet und tigert durch den Raum, immer auf dem Sprung. Er spritzt sich mit einem Wasserschlauch komplett ab und rast klatschnass nach draußen in die winterliche Kälte. Er fällt aus der Rolle in Improvisationen, markiert wie in einem Chaplin-Slapstick den Betrunkenen, nimmt nichts ernst, am wenigsten sich selbst. Die ironische Haltung, mit der er sich und anderen begegnet, lässt aber nicht daran zweifeln, dass der Mann trostlos und  versehrt ist. Jede seiner Charaden ein Notruf. Wenn er ständig „Macht nichts. Macht nichts“ vor sich hin  singsangt, liegt darin die ganze Niedrigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens. 

Sonja liebt diesen seltsamen Astrow hoffnungslos, doch der hat sich verliebt in die junge Professoren-Gattin Elena. Ursina Lardi tritt auf wie Märchenwesen im roten Kleid und mit rotem Mund, erscheint  berechnend, herzlos, kalt; überfordert, sich ihre Empfindungen einzugestehen. Sie stöckelt durch ihre Jugend – und vermeidet sie dabei.  
All diesen Figuren gegenüber hat man Mitgefühl, sieht dabei zu, wie traurig, einsam und kaputt sie sind. Erkennt zugleich ihren Egoismus, ihre Schwächen und die Strategien dies zu verbergen. Dabei sind sie nicht eindeutig zu durchschauen. Sie bleiben einem fremd – neben der grausamen Komik eine weitere große Qualität der mehr als dreistündigen Aufführung.  

In Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ heißen zwei Kapitel „Der große Stumpfsinn“ und „Die große Gereiztheit“. Das könnten  Überschriften für den „Onkel Wanja“ von Thorsten Lensing und Jan Hein sein. Der zweite Akt, in dem sich des Nachts die Emotionen entblößen, wird wie ein düsterer erotischer Sommernachtstraum ausgeführt: geil, grell und gemein.  Später glaubt man, in einem Psychodrama Ibsens, O’Neills oder Bergmans zu sein.  Die Preisgabe der Figuren und ihrer Darsteller grenzt ans Absolute. Wie nach einem langen weiten Umweg kommt diese Aufführung Tschechow gefährlich und bestürzend nahe.

17.02.2008 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten: Tschechows “Onkel Wanja”

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17.02.2008 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten
Tschechows “Onkel Wanja” im Pumpenhaus

Münster. Rauchen coole Typen eigentlich immer noch? Im zaristischen Russland des Anton Tschechow taten sie’s bestimmt; und der zynische Arzt Michail Astrow in „Onkel Wanja“ ist ein cooler Typ. Jedenfalls in der Inszenierung von Thorsten Lensing und Jan Hein – zumal er von Devid Striesow gespielt wird, mit dem die Produktion von „Theater T1“ die PR-Trommel rührt: Er spielt nämlich auch in dem oscarnominierten Film „Die Fälscher“. Doch statt in Hollywood der Trophäe entgegenzufiebern, wird Striesow in Münster Theater spielen, wie am Freitag splitternackt über die Bühne des Pumpenhauses torkeln – voll wie tausend Russen. Gäbe es die Oscar-Kategorie „Best boozing Actor“, sie wäre Striesow sicher. Seine Säufer-Performance malte ein Grinsen in viele Gesichter. Selten genug bei diesen todtraurigen „Szenen aus dem Landleben“, in die Tschechow alles Elend verpassten Lebens und verpasster Liebe goss. Ein Elend, das vom Regie-Duo oft in schrille, verzweifelte Coolness verpackt wurde, wo leise Töne intensiver gewirkt hätten. Das Publikum aber mochte die Mischung und klatschte johlend Beifall.

Gesoffen wird viel in dieser Inszenierung: Onkel Wanja (Josef Ostendorf) säuft, weil er seine Jugend als fleißiger Gutsverwalter des verehrten Professors Serebrjakow (Rik van Uffelen) vergeudet hat und hoffnungslos dessen junge Frau Elena (Ursina Lardi) begehrt. Der Arzt Astrow säuft, weil die Menschen banal und zerstörerisch sind, Russlands Wälder roden – und er ebenfalls Elena begehrt. Elena selbst säuft, weil sie in der Untätigkeit an der Seite des alten Gelehrten erstickt. Schließlich Sonja (Ursula Renneke), des Professors mausgraue Tochter, die hoffnungslos den Arzt liebt. So säuft auch sie. Ströme von Rotwein ergießen sich über die karge Bühne – wenn die Verzweifelten ihn einander nicht gerade ins Gesicht schütten. Als Chiffre hervorbrechender Gefühle, versteht sich. Am Ende, wenn alle Träume zerplatzt, alle Verzweiflung herausgekotzt ist, sieht das Pumpenhaus wie ein Schlachtfeld aus. Die Scheinwelt aus Unzufriedenheit hat sich in eine Sauerei aus Pfützen, Saatkörnern und Kleiderfetzen verwandelt.

Schade, dass resignatives Tschechow-Leid in dieser Inszenierung meist im modernen Brüllton daherkommt. Die Schauspieler hätten mehr gekonnt: Josef Ostendorf (toll!) spielt Wanja mal als uriges Sensibelchen, mal als hätte er einen russischen Stanley Kowalski im massigen Leib, wenn er nach Elena grabscht. Deren Rolle wird von Ursina Lardi verblüffend modernisiert. Als Sonja brillieren die meisten Aktricen, auch Ursula Renneke. Rik van Uffelen gibt den pompös-lächerlichen Gelehrten, während Devid Striesow zwischen Slapstick und sämtlichen „angry young men“ des Theaters pendeln muss. So spiegelt er das Unentschlossene dieser Inszenierung: Grell und traurig wie das Putin-Russland von heute.