07.10.2011 – Severin Klinkmüller / Westfälischen Nachrichten: Wahnsinn stirbt im Schnee

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07.10.2011 – Severin Klinkmüller für die Westfälischen Nachrichten
Wahnsinn stirbt im Schnee

Einblicke in die Welt des Wahnsinns gewährt das Theater Sycorax im Pumpenhaus. Mit der Uraufführung des Bühnenstücks „Ich bin vergessne Weiten“ am Mittwochabend brachte das Ensemble unter der Regie von Paula Artkamp und Manfred Kerklau ein Werk des selbst im Wahnsinn gefangenen Schriftstellers Robert Walser auf die Bühne.
Die Charaktere übertreten stets die Trennlinie zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Sie lassen den Zuschauer suchend zurück, welcher Dialog nun dem klaren Verstand entspringt. In zahlreichen aufeinander folgenden Szenen sprechen die Figuren zwar zueinander jedoch nicht miteinander. Sie räsonieren als Insassen einer Nervenheilanstalt über ihre „Schrullen“, bleiben aber in ihren gestörten Dialogen stets Außenseiter unter den Verirrten.

Den Schauspielern gelingt es dabei auf eindrucksvolle Weise dem Wahnsinn ihrer Figuren ein Gesicht zu geben. Das Stück greift zudem biografische Elemente des sonderbaren Schriftstellers auf. Robert Walser, geboren 1878 im schweizerischen Biel, erzielte durch erste Veröffentlichungen kurzzeitige Achtungserfolge, ein nachhaltiger literarischer Erfolg bliebt ihm zu Lebzeiten jedoch verwehrt. Nachdem Walser jahrzehntelang eine ärmliche Existenz führte, geriet er 1929 in Folge einer persönlichen Krise in die Psychiatrie, die er bis zu seinem Lebensende nicht wieder verließ. Erst nach seinem Tod fanden sich hunderte, in Kleinstschrift verfasste literarische Mikrogramme des verkannten Autors. Seine Beobachtungen einer entrückten Wirklichkeit belegen den klaren Blick des Wahnsinnigen auf das vermeintlich Normale.

„Im anscheinend Minderwertigen entsteht das Überlegene“, stellte einer der Charaktere fest. Walser beschreibt das Leben hinter den Mauern der Psychiatrie, deren Insassen in ihrem Irrsinn gefangen sind und vom Pflegepersonal auf stumpfe Gebärden dressiert werden. Dabei tragen die Charaktere abwechselnd die biografischen Züge ihres Schöpfers. Schließlich jedoch ereilt alle Figuren das gleiche Schicksal wie Walser selbst. Von einem einsamen Spaziergang in den hellen Wintertag am Weihnachtstag 1956 kehrte der Schriftsteller nicht zurück. Der anonyme Patient lag ausgestreckt tot im Schnee.

07.10.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Wie man zu einem Diener wird

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07.10.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Wie man zu einem Diener wird

Theater: Sycorax erforscht Robert Walser

Am ersten Weihnachtstag 1956 wurde der Schweizer Schriftsteller Robert Walser tot in einem Schneefeld nahe der Heilund Pflegeanstalt Herisau gefunden, in der er die letzten 23 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Diese Szene stellt das Theater Sycorax im Pumpenhaus mit einem Mantel
und einem Hut nach. Um die Kleidungsstücke herum stehen die Schauspieler, bis sie nacheinander in die Sachen des Toten schlüpfen und ihn wieder zum Leben erwecken.

„Ich bin vergessne Weiten“ ist eine poetisch-dramatische Annäherung an einen Autor, der das Kleine gefeiert und damit Großes geschaffen hat, auch wenn er zu Lebzeiten damit wenig Erfolg hatte. Walsers literarische Methode bestand in einer bewusst betriebenen Zurücknahme des eigenen Ichs bis hin zur Auslöschung der Persönlichkeit, um auf diese Weise Missstände in der Gesellschaft anzuprangern. Am deutlichsten lässt sich dieses subversive Vorgehen in „Jakob von Gunten“ verfolgen, wo sich der Protagonist im Institut Benjamenta zum Diener ausbilden lässt.

Dieser Roman und andere Texte bilden das Material für die Inszenierung von Paula Artkamp und Manfred Kerklau. Unaufdringlich, aber sehr differenziert spielt das Ensemble Szenen aus Walsers Texten nach und setzt sie in Beziehung zu seinem Leben. Die Art, wie sich der Schriftsteller als „stellungsloser Handelsbeflissener“ um Büroarbeiten bemüht oder in möblierten Zimmern Zuflucht
sucht, weist deutliche Parallelen zu der Dienerschule auf, wo die Zöglinge auf Demut getrimmt
werden, indem sie immer wieder das Verbeugen üben oder imaginären Staub vom Fußboden wischen
müssen.

Die Tristesse solchen Daseins betont Sycorax durch eine spärlich beleuchtete Bühne und farblos gekleidete Darsteller. Und durch eine Choreografie, bei der sich die Akteure wie eine Armee von grauen Angestellten bewegen. Das einzige Mittel, dieser Hoffungslosigkeit zu begegnen, ist Ironie. „Wie bin ich glücklich, dass ich in mir nichts Achtenswertes mehr zu finden vermag“, heißt es kurz vor Ende der sehenswerten Aufführung. Dann rieselt Konfetti-Schnee herab und deckt die Misere
sanft zu.

04.10.2011 – Brigitte Heeke / Westfälischen Nachichten: Wanne voll und Taschen leer

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04.10.2011 – Brigitte Heeke für die Westfälischen Nachichten
Wanne voll und Taschen leer

Wird es demnächst einen neuen „Münster-Miss-Marple“ geben, in dem ein Gerichtsmediziner als Privatdetektiv, der nebenbei ein Antiquariat führt, die Machenschaften der münsterländischen Ackerbau- und Viehzucht-Mafia aufdeckt? Diese von Bandleader Markus Paßlick aufgeworfene Frage beantwortete Adam Riese in seiner Show zwar nicht direkt. Kriminell ging es am Sonntagabend im ausverkauften Pumpenhaus dennoch zu.
Schließlich war mit Christian Lindemann ein prominenter Taschendieb unter den Talk-Gästen. In aller Seelenruhe raubte Lindemann einen Besucher aus, während dieser sich für den Assistenten in einem harmlosen Zaubertrick hielt. Die Uhr, die Geldbörse, Papiere und Kleingeld aus den Hosentaschen – praktisch nichts ist vor ihm sicher.

Nachdem Lindemann dem Besitzer breit grinsend alles Diebesgut zurückgegeben
Nachdem Lindemann dem Besitzer breit grinsend alles Diebesgut zurückgegeben hatte, nahm der Zauberkünstler und Taschendieb Platz auf Adam Rieses Sofa und plauderte aus der Welt des Showgeschäfts. Der Münsteraner stand bereits als clownesker Langfinger mit dem „Cirque du Soleil“ in der Manege. Neben dem Zaubern und Klauen bog der quirlige Tausendsassa noch rasch ein paar kunstvolle Ballonfiguren für Assistentin Isabelle Bettmer.

Schauspielerin Lisa Feller klaute nichts, sondern gab kurzweilige Einblicke in ihr neues Programm „Kill Bernd – aber vorher bringt er noch den Müll runter“. Als Schauspielerin der „Schillerstraße“ hatte Feller natürlich ebenfalls viel über ihre Arbeit zu berichten. Außer im Fernsehen ist sie in Münster mit dem „Placebo“-Improtheater regelmäßig auf der Bühne zu sehen.

Helmut Buntjer, Posaunist und Sänger, hatte zuvor den Auftakt der Gästerunde gemacht. Er erklärte Talk-Master Adam Riese Wurzeln und Wirkung der „politischen Blasmusik“ und warum die Bretter, die die Theaterwelt bedeuten, im Grunde von Textilklebeband zusammengehalten werden.

Die passende Musik zur Show lieferten in bewährter Manier „Markus Paßlick und seine Original Pumpernickel“ mit Paßlick (Percussion), Jürgen Knautz (Bass) und Altfrid M. Sicking (Vibraphon). Sie begleiteten die Gesangseinlagen der Gäste, etwa das fröhliche Duett von Lisa Feller und Helmut Buntjer, die sich in Taucher-Montur den Schlager „Die Wanne ist voll“ vorknöpften.

22.09.2011 – Maria Berentzen / Westfälischen Nachrichten: Flügelschwingend durch die Nacht

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22.09.2011 – Maria Berentzen für die Westfälischen Nachrichten
Flügelschwingend durch die Nacht

Auf der Bühne: ein Klavier und ein schnöder Bürostuhl. Mehr bedarf es nicht für die „Wild Nights“ im Pumpenhaus, den letzten Teil der MA.KE-Trilogie. Nichts ist zu hören bis auf das Knarren des Klaviers, von dem eine der Darstellerinnen nach und nach Bretter entfernt. Aus dem Inneren quillt eine Zettelwirtschaft hervor – ähnlich muss es bei der Dichterin Emily Dickinson ausgesehen haben: Sie nähte zunächst ihre Textblätter zusammen, stopfte die Zettel dann später fast achtlos in die Schubladen ihrer Kommode. 
 „Wild Nights“ unter Regie von Manfred Kerklau stellt den Versuch dar, sich der Dichterin durch drei Frauen (Annalisa Derossi, Karolina Kolodziej, Katrin Heinrich) anzunähern. „Emily looked at the world in a different way“, heißt es im Stück – Emily hatte einen anderen Blick auf die Welt. Auf persönliche Weise bauen die Darstellerinnen Verbindungen zu der Dichterin auf, die sich ab ihrem 20. Lebensjahr weiß kleidete und das Haus nur dann verließ, wenn es nicht zu vermeiden war.

Text und Tanz, aus Statik und Dynamik: Mal scheint nichts zu passieren, dann bricht es wieder wie eine Explosion aus den Tänzerinnen hervor. Schmetterlinge spielen im Werk von Dickinson ebenso wie auf der Bühne eine wichtige Rolle: Annalisa Derossi flattert wild mit den Armen wie ein Schmetterling beim Kolibriflug. Karolina Kolodziej vibriert am ganzen Körper, um einen großen Nachtfalter darzustellen. Dazwischen ertönen aus dem Off vielstimmig Gedichte der Lyrikerin. Danach: Stille.

Was zu Hause sei, fragt ausgerechnet sie, die fast immer zu Hause war. Man ahnt, dass mit Dickinson eine Entwurzelte spricht, die sich nicht einfügen kann. Ihre härtesten Kämpfe, so zeigt sich auf der Bühne, hat sie mit sich selbst ausgetragen: Der Tanz wird ungestüm, begleitet von einem inneren Zittern, das aus allen Poren kommt. Die Musik von Kai Niggemann ist an die vielschichtigen Stimmungen der Dichterin ebenso angepasst wie der Tanz, der mal fließend und leicht, dann wieder fast stakkatoartig und ruckartig ist.

Anderes ist locker: Dickinsons Liebe zur Blumenkohlsuppe sorgt im Publikum ebenso für Erheiterung wie ihre Zuneigung zu Zwerghühnern. Am Ende senkt sich ein Vorhang, auf dem Schmetterlinge wild umherflattern – passender hätte man dieses Stück kaum beenden können.

Das Publikum dankte mit reichlich Applaus.

20.09.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Gewalt wütet im engen Käfig

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20.09.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Gewalt wütet im engen Käfig

Bombenalarm! Der Donner bohrt sich ins Gehör. Von der eisig flirrenden „Discokugel“ an der Decke prasseln Lichter wie Granatsplitter auf die Netzhäute des Publikums. Und eine Handvoll junger Männer windet sich auf der Bühne des Pumpenhauses, vor Schmerz brüllend. Während manche Theatermacher das Publikum behutsam auf ihre Seite ziehen, wird beim palästinensischen „Freedom Theatre“ direkt zur Attacke geblasen. Eine Stunde lang feuern die Theatermacher quasi aus allen Rohren auf alle Sinne – bis der Qualm sich verzogen hat, sie selbst ganz erschöpft neben sich stehen und der Applaus sich wie aus Erschöpfung hochschraubt. Aggressives, körperliches Theater, das nicht kaltlässt.
Dass das Stück „Sho Kman? – Was noch?“ voller Wut steckt, kann nicht überraschen. Im April dieses Jahres wurde Juliano Mer-Khamis, der frühere Theaterleiter, von bislang unbekannten Tätern ermordet. Mer- Khamis, Sohn eines palästinensischen Vaters und einer jüdischen Mutter (die in den 80er Jahren schon ein ähnliches Projekt leitete), hatte 2006 das Theater neu gegründet. Jugendlichen Schauspielschülern soll es im besetzten Flüchtlingslager Jenin eine Möglichkeit bieten, die Gewaltspirale künstlerisch zu hinterfragen. Ein Kurzfilm führte das Publikum in die Thematik ein; „A big Prison“, ein großes Gefängnis nennt Juliano Mer- Khamis darin seine Heimat.

Wie ein Gefängnis-Horrortrip. Hier ist nichts leise oder gar subtil. Hier werden keine politischen Zusammenhänge hinterfragt. Hier werden wütende junge Männer in einen Käfig und die Gewaltspirale in Gang gesetzt. Die künstlerischen Mittel sind einfach, aber stark: Licht- und Sound-Design suggerieren Enge und Aggression. Ein militärischer Schleifer drangsaliert die Jungen in verschiedenen Maskierungen: Der des Anführers, des sadistischen Besatzers, ja sogar mit weiblicher Perücke. Wenn Politiker und Kameras anwesend sind, wird kurz heuchlerisch das Hohelied der Freiheit jubiliert – danach bleibt alles beim Alten. Es gibt keinen Ausweg für die drahtigen Kerle, die sich einer Hackordnung unterwerfen, in der der Schwächste am Ende das Leben lässt. 

Weil das Stück für internationales Publikum gedacht ist, sprechen alle in einer Fantasiesprache. Sprechen? Sie keuchen, grunzen und brüllen einander die Hölle heiß. Auf Arabisch ist nur jener Rap, den einer zu orientalischem Beat ins Publikum bölkt. Die echte Ghetto-Wut, aus der diese oft nervige Musik entstand – hier wird sie wieder spürbar.

14.09.2011 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Geometrischer Tanz, improvisiertes Leben

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14.09.2011 – Isabell Steinböck für die Westfälischen Nachrichten
Geometrischer Tanz, improvisiertes Leben

“Passerelle” brachte jungen Tanz aus Belgien ins Pumpenhaus

Fünf Tänzerinnen marschieren über die Bühne des Pumpenhauses, die Arme lang nach unten gestreckt, die Rücken gerade. Unermüdlich ziehen sie ihre Kreise, in der Gruppe oder zu zweit, zu dritt, mal umeinander herum, mal gerade, in einer Reihe. Eine kühl kalkulierte, geometrische Choreografie, die von den konzentrierten Tänzerinnen Präzision erfordert.
Die in ihrer stetigen Wiederholung geradezu meditativ wirkende Tanzperformance ist choreographiert von Benjamin Vandewalle und Vincenzo Carta, ehemalige Schüler von Anne Teresa de Keersmakers renommierter, belgischer Ausbildungsschule P.A.R.T.S. Der analytische Stil dieser Ausnahme-Choreographin ist hier kaum zu verkennen. Bemerkenswert ist, dass die Produktion nicht aus einer festgelegten, choreographischen Struktur besteht, sondern aus gegenseitigen Impulsen der Tänzerinnen, die in jeder Aufführung neu entstehen. Dass die fünf Performerinnen allesamt aus dem Laien- und Nachwuchsbereich stammen, spricht für die hervorragende Arbeit Vandewalles und Cartas, deren Stück „WeAllGo“ im Rahmen von „Passerelle“ entstanden ist. Diese in der zeitgenössischen, flämischen Tanzszene einzigartige Plattform für jungen Tanz brachte bereits berühmte Profitänzer und -choreographen, wie Sidi Larbi Cherkaoui oder Lisbeth Gruwez, mit semi-professionellen Darstellern zusammen.

„Contamination“, das zweite Tanzstück des Abends, lässt den Tänzerinnen mehr Freiheit. Sechs junge Frauen sitzen auf einer Bank, unterhalten sich leise. Eine siebte findet dort keinen Platz, dafür ist die Bühne frei für sämtliche Ereignisse, die das Leben bereit hält. Angeschlagen torkelt die ausdrucksstarke Performerin über die Bühne, wuchtet ein imaginäres Fass vor sich her, kratzt sich nervös am ganzen Körper oder mimt Übelkeit bis zum Erbrechen. Andere kommen hinzu, ahmen nach oder geben Impulse für Neues. Choreograph Nicolas Vladyslav sucht nach Möglichkeiten, den Charakter unerwarteter Situationen abzubilden, indem er seine Tänzerinnen Bewegungssequenzen kopieren lässt.

Das funktioniert nicht immer fließend und wirkt erst dort ästhetisch, wo die Darstellerinnen synchron agieren. So wirkt das Stück wie ein offen gelegter Arbeitsprozess, von diverser Improvisation bis hin zur ansprechenden Choreographie.

13.09.2011 – Arndt Zinkant / Westfälischen Nachrichten: Im Schatten der Türme aufgewachsen

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13.09.2011 – Arndt Zinkant für die Westfälischen Nachrichten
Im Schatten der Türme aufgewachsen

Die Katastrophe des Elften September wabert anlässlich des zehnten Jahrestags durch alle Fernsehkanäle. Als sich im Pumpenhaus der Bühnennebel lichtete und acht weiß geschminkte Gesichter wie Totenmasken hervorschälten, hatte die Erinnerungsarbeit auch Münsters Gartenstraße erreicht. Verloren tasteten sich die jungen Frauen und Männer in die Wirklichkeit zurück. Und die traurige Szene schmolz zusammen in jenem Satz, den Peter Struck damals im Bundestag sagte: „An diesem schweren Tag sind wir alle Amerikaner.“
Die acht jungen Darsteller sind zwar im Schatten der zerstörten Türme aufgewachsen – aber dennoch war diese Szene nur eine unter vielen, die die Befindlichkeit ihrer Generation auf die Bühne schmetterte. Das Jugendstück „young & furious“ wollte viel – zu viel. Was der prämierte algerische Choreograf Samir Akika und der münstersche Jungregisseur Johannes Fundermann präsentierten, war einmal mehr eine Collage. Ein wilder Mix aus historischen Splittern und persönlichen Wehwehchen, die die junge Truppe ebenso wild rüberbrachte. Mal leidenschaftlich tanzend, mal ironisch feixend. Das frenetisch klatschende, ebenso junge Publikum klaubte sich all diese Splitter willig zusammen, die die Acht aus Belgien und Deutschland hinpfefferten (meist auf Englisch). 

Zwei Themen stechen hervor: die Sorge ums persönliche Glück und die um den Planeten, der mit blutroter Farbe ganz wörtlich an die Wand gemalt wird. Kein Wunder, dass Al-Gore-Fan Sara sich so Rage redet. Aus Sorge? Oder Enttäuschung über den präsidialen Selbstdarsteller? 

Ein cooler Typ dagegen ist Thijs, der zwischen Macho-Posen und Slapstick wechselt – und plötzlich uralte Vampir-Witze einstreut. Zufall? Schließlich sind die Untoten ja auch jugendlicher Kitsch-Kult. 

Am besten wirken die gut gebauten Tanzszenen, zu denen eine Art Waldgeist wie „DJ Oberon“ die Musik einspielt. Am Ende rappt er den Darstellern wütend Bescheid und schmeißt sie aus seinem Wald. Dann aber zieht sich das Ende lange, lange hin. Das Ensemble spielt einem quasi Theater-Workshop im Schneidersitz vor: „Wie ging´s dir bei den Proben? Warum bist du immer so gut drauf?“ Und als die Bühne dann mit Schleim aus Milch und Klopapier bekotzt wird, kratzt sich mancher verwundert am Kopf.

12.09.2011 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Vertreibung aus dem Zauberwald

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12.09.2011 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Vertreibung aus dem Zauberwald

Theater: Pumpenhaus startet mit „Young & Furious“ entfesselt in die neue Saison

Ein mehr als zweistündiges Stück im Pumpenhaus, das ist ungewöhnlich.
Normalerweise kommen die Darbietungen in diesem Theater eher kompakt daher. Aber zur Spielzeiteröffnung darf es gern ein bisschen mehr sein. Zumal hier zwei Regisseure am Werk sind, die
sich in den letzten Jahren einen gewissen Ruf erworben haben – Samir Akika als der neue junge Wilde des Tanztheaters und Johannes Fundermann als hoffnungsvoller Nachwuchs mit Gespür für Themen, die junge Erwachsene beschäftigen. „Young & Furious“ ist ihre erste gemeinsame Arbeit.

Am Freitag war Premiere, und die konnte sich sehen lassen. Drei Männer und fünf Frauen
sind am Start. Alle in einem Alter, in dem man sich fragt, was man will im Leben und wer man eigentlich ist. „Eigentlich bin ich ein Mann“, sagt ein Mädchen und erklärt dann auf Niederländisch, warum das so ist. Ansonsten geht das Stück aber auf Deutsch und Englisch über die Bühne. Und in der internationalen Sprache des Tanzes, bei dem sich Modern Dance effektvoll mit Hip-Hop,
Pogo und anderen Formen jugendkultureller Selbstdarstellung mischt.

Eine durchgehende Handlung gibt es nicht, dafür einen roten Faden, der sich kurvenreich
durch Themen wie Politik, Ökologie und zwischenmenschliche Beziehungen schlängelt. Al Gores Engagement für den Klimaschutz wird als eitel entlarvt, und das Klonschaf Dolly erfährt eine letzte große, wenn auch ironisch eingefärbte Würdigung. Dazwischen interpretieren
die Darsteller Lieder von Elvis Presley und Edith Piaf, trampeln auf Kuscheltieren rum oder erzählen Vampirwitze. Und natürlich versauen sie die Bühne, dass es eine Art hat und der am Rand
postierte Techniker einschreiten muss, um den wilden Haufen mit einem gerappten Fluch aus seinem Zauberwald zu werfen wie Gott einst Adam und Eva aus dem Paradies. Das so eingeleitete Finale führt dann zu noch größerer Enthemmung, bei der das Ausspucken von Milch und Mayonnaise noch zum Harmlosesten gehört. Es mache ihr Spaß, dumme und unvernünftige Dinge zu tun, denn später im Leben sei dafür kein Platz mehr, erklärt eines der Mädchen und hat damit wahrscheinlich nicht ganz unrecht.

Als das Stück nach gut zwei Stunden mit einem wenig seriösen Appell endet, für die bedrohten Delfine zu spenden, hat der Zuschauer wildes, chaotisches und bewusst unausgegorenes Theater erlebt, das Jugend in ihrem ganzen faszinierenden Ungestüm zeigt. Sehenswert.

22.07.2011 – Gerhard H. Kock / Westfälischen Nachrichten: Générik Vapeur mischt den Verkehr auf

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22.07.2011 – Gerhard H. Kock für die Westfälischen Nachrichten
Générik Vapeur mischt den Verkehr auf

Es war wie bei den Skulptur-Projekten: Neugier, Gespräche und gelegentlich auch Kopfschütteln. Die beiden Installations-Performances „Pick ´n´ Place“ von Angie Hiesl und Roland Kaiser auf der Stubengasse und am Harsewinkelplatz vermittelten Sinnlichkeit, Nachdenklichkeit und Freude.
Gernot Bogumil agiert in der Aktenwelt. Akkurat stellt er die Ordner ins Regal. „Müssen die gelben nicht eine Etage tiefer?“, fragte ein Passant. „Nein“, entgegnete der Aktenmensch, „eine Etage höher.“ Auf den Ordner stand Brockhaus, Goethe, Christa Wolf. „Entschuldiggen Sie, der Zweite in der oberen Reihe steht zwei Millimeter vor.“ „Oh, danke“, freute der Akteur sich über die Mithilfe.

In der Veraltungsmetropole Münster kennt man sich halt mit Akten aus. Aber Salat und Unterhosen zwischen den Deckeln? Da wunderten sich viele: „Der Salat hält sich da aber nicht lange.“ Und einer schätzte mit einem Blick: „Das werden 500 Aktenordner sein.“ „Es sind 498“, informierte eine Helferin auf Nachfrage. Tja, einMünsteraner kennt sich halt mit Aktenbergen aus. 

Aus diesen Akten führte Bogumil fünf Stunden lang ein Leben. Yang Yunzhi agierte mit Plastikbehältern. Die kamen aus China, wie abgerissene Aufkleber zeigten. Yunzhi kletterte akrobatisch über und durch die Regale. Hielt inne und hielt Zwiesprache mit den Bottichen. Er erzählte von erbärmlichen Produktionsbedingungen seiner Landsleute, davon, wie er als Kind in diesem stinkenden, schlechten Plastik nicht gebadet werden wollte und von den Eltern geschlagen wurde. 

Leise erzählte er seine berührenden Geschichten. Wer lauschte, erfuhr etwas über die Vorwelt des Wohlstands – inmitten der schönen, neuen Konsumwelt.

Tanzende Politessen

Eine Kolonne französischer Landpolizisten machte gestern am späten Nachmittag die Innenstadt unsicher. Politessen zeigten Bein, Gendarmerie mit reichlich Schatten um die Augen trillerte das Volk auseinander, und inmitten des Publikums tanzte die muntere Schutzmann-Truppe eine Art Tarantella. Das war mal eine Staatsgewalt zum Liebhaben – respektlos, aber sympathisch. Ähnlichkeiten mit wirklichen Polizisten aus Frankreich sind vermutlich rein zufällig – möchte man annehmen?.?

22.07.2011 – Petra Noppeney / Westfälischen Nachrichten: Tohuwabohu im Kaufladen

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22.07.2011 – Petra Noppeney für die Westfälischen Nachrichten
Tohuwabohu im Kaufladen – Reverend Billy ruft: „Stop shopping!“

s gibt viele Arten, sich Freunde zu machen. Von dieser hier ist abzuraten, zumal wenn es um Geschäftsleute geht: Stakkato-artig das Mantra „Stop shopping!“ singend, fallen US-Konsumkritiker Reverend Billy und sein Gospelchor „The Church of Earthalujah“ zu früher Abendstunde an der Stubengasse in einen Bekleidungsladen ein. 
Im Gefolge: ein Haufen von weit über hundert amüsierten Anhängern, die nicht nur einen Virtuosendes politischen Entertainments und seine Jünger in Aktion erleben, sondern auch erboste bis planlos telefonierende Mitarbeiter beim verzweifelten Versuch, das Ganze zu verhindern.

Schon liegt eine Chorsängerin auf einem Stapel mit reduzierten Jeans. Andere halten Schuhe hoch oder modische T-Shirts: „Schau doch, schau doch!“ Aber der Meister kennt kein Pardon: „Stop Shopping!“ ist die Botschaft.

Der Zug der Fundamentalisten im petrolgrünen Kittel zieht weiter, der wirklich alles gebende, schwer schwitzende Chef mit Megafon voran. Erst Ringelreihen in einer Bankfiliale, verbunden mit Billys frommem Wunsch, „diese verrückten Investments“ zu stoppen – und dann ein erfreuter Aufschrei und Finger, die in eine Richtung weisen: Jener US-Coffee-Shop, der schon vorher per Sprechchor gegeißelt wird, tut sich vor dem Prediger und seiner singenden Meute auf. Und auch hier: Tohuwabohu im Laden binnen kürzester Zeit. 

Und hier gibt´s richtig verbale Haue der Marke „I don`t need no slavery in my coffee“ – „ich brauche keine Sklaverei in meinem Kaffee“.

Fünf Minuten, dann ist der Spuk vorbei. „Und wer räumt jetzt hier auf?“, zischt die Bedienung hinter dem Tresen. Doch die Menge, die eben noch den Laden bevölkerte, ist längst hinter Billy her.